Dienstag, 18. August 2015

Zurück unter französischer Flagge - Zeit für ein Fazit

Um 18 Uhr am gestrigen Abend verließ der Reisebus den Busbahnhof in Santiago de Compostela...natürlich mit uns! :)
Wir hatten tatsächlich die allerletzten beiden Sitze ergattert und breiteten uns auf Platz 59 und 60 soweit es ging aus. Hinterste Reihe, Beinfreiheit ohne Ende, aber Lehne nach hinten stellen? Nix gibts. Die Nacht mussten wir uns wohl oder übel sitzend um die Ohren schlagen. Dafür hatten wir Unterhaltung genug. Drei Spezialitäten der Einzelunterhaltung möchte ich an dieser Stelle kurz vorstellen: Da gab es den üblichen Schnarcher, der ausdauernd versuchte den lauten Busmotor zu übertönen, den Schmatzer, der beim Verzehren seiner Kartoffelchips stets bemüht war den Schnarcher beim Übertönen zu übertönen und den Knipser, der im Bus seine Fingernägel schnitt und dabei sein Bestes gab mit seinen menschlichen Überresten des Schnarchers offene Luke oder des Schmatzers Chipstüte zu treffen. Ein herrliches ineinandergreifendes Schauspiel.
Der Bus pausierte ca. alle 30 Minuten, selbst um 04:00 Uhr nachts stiegen noch Fahrgäste, sogar mit Kleinkindern an der Hand, zu oder aus. Somit waren auch wir spätestens alle halbe Stunde erneut hellwach, stiegen aus und vertraten uns die Beine an den ausgestorbenen Bahnhöfen. Weil wir so schlau waren und unsere Essensvorräte in unsere Backpacks gepackt hatten, investierten wir ein afrikanisches Monatsgehalt in den Süßigkeitenautomaten, der sich sichtlich freute geleert zu werden.
Um 07:00 Uhr am nächsten Morgen mussten wir in Saint Jean de Luz umsteigen, den richtigen Anschlussbus zu finden war recht abenteuerlich, doch am Ende kamen wir eine Stunde später in Biarritz an. Etwas gerädert, aber sehr glücklich. Zwei Zugfahrten und eine weitere Busfahrt waren nötig um nach 19 Stunden Fahrt schlussendlich wieder in Saint Jean Pied de Port zu stehen. Mehr als 31 Stunden waren wir nun auf den Beinen, eine Auszeit war dennoch nicht in Sicht. Hier am Startpunkt des Caminos war heute irgendein Fest, die Stadt platze aus allen Nähten, allerdings nicht vor Pilgern, sondern vor Schickimickis. "Grässlich!", das dachten wir wohl gegenseitig voneinander, wenn wir uns mit den Weißhemden über abwertende Blicken um den Platz auf dem Bürgersteig bekriegten.
Das Erste, was wir nun trotz des Getümmels im Sinn hatten, war? Na klar! Futter! Und so kehrten wir ein zweites Mal in der Pizzeria unseres Vertrauens ein. Anders als beim letzten Mal wurde uns heute keine Aufmerksamkeit geschenkt. Wahrscheinlich sahen wir nach all den Strapazen zu verranzt aus, dazu noch unsere sperrigen Backpacks. 
 minimal fertig mit der Welt
Nach dem Essen war es soweit. Jetzt trennte uns nur noch ein Berg von unserer Granny, die uns wahrscheinlich schon sehnsüchtig erwartete. Über 4 Wochen hatte sie nun dort oben in der prallen Sonne und im strömenden Regen, bei Sturm, Blitz und Donner gestanden und gewartet. Und nun erklimmten wir ein letztes Mal den Anstieg von Saint Jean, liefen über den Schotterweg und freuten uns einen Ast, als wir unsere weinrote Blechbüchse wiedersahen! Gut schaute sie aus! Wir bezahlten unsere Parkgebühren und begutachteten die alte Dame. Es roch etwas streng hier drin, durch die Hitze hatte sich der halbe Himmel vom Dach gelöst, unter der Motorhaube rostete es ordentlich, Guillaume hatte die Handbremse beim Umparken etwas zu fest angezogen, nun warett ausgeleiert. Ansonsten fanden wir nur minimale Beanstandungen. Aber jetzt kam der große Moment! Wird die Granny anspringen??
Danilo drehte vorsichtig den Zündschlüssel, es kribbelte in den Fingerspitzen... Stockend fing die Technik an zu rattern. Mit Holpern und Krachen ruckelte der Motor los und...das Baby lief! 
Beim Losfahren und Bremsen machte die Gute allerdings äußerst ungesunde Geräusche. Zunächst bockten wir die Madame hoch und riskierten selbst einen Blick, merkten aber schnell, dass wir zu wenig Ahnung hatten, darum suchten wir die nächste Werkstatt auf. Gar nicht so einfach zu kommunizieren, wenn keiner des anderen Sprache spricht. Zum Glück sind uns Hände und Füße gewachsen, so klappte es ein wenig besser. Das Klackern, welches wir den hinteren Radkästen zuordnen konnten, kam nach Erstdiagnose von den Bremsscheiben, die über die Zeit Rost und Dreck gesammelt hatten. "Fahrt mal 20 km, müsste bald besser werden.", übersetzten wir aus dem Krächzen des Mannes im Overall und den pechschwarzen Fingern.
Bis Biarritz hatten wir über 50 km Zeit den Belag loszutreten. Besser ist es zwar geworden, verschwunden ist es leider dennoch nicht. Aber geben wir ihr noch ein wenig Zeit zur Genesung.
Wir hatten heute bloß noch eine Intension: Wir wollen ans Meer! Und bis wir dieses erreichten, konnten wir die letzten 32 Tage Revue passieren lassen.

Das Fazit:
Die Frage, ob es sich nun gelohnt hat, lässt sich so einfach nicht beantworten.
Natürlich gab es sehr schöne, prägende und ergreifende Momente, neugeknüpfte Freundschaften und interessante Bekannschaften, tiefgründige Gespräche und Momente im absolutem Frieden. Leider muss ich aber auch sagen, dass unsere Erwartungen an den Camino überhaupt nicht erfüllt wurden, dabei halte ich uns für sehr genügsame und bescheidene Menschen, ohne große Ansprüche, die gravierend über die menschlichen Grundbedürfnisse hinausgehen. Meine Bestreben lag darin mehrere Wochen aus dem Alltag auszubrechen, auf Minimum zu leben und in der Natur zu verschwinden, den blockierten Gedanken freien Lauf zu lassen und vielleicht auf eine andere Ebene zu steigen. Viele Fragen zu bilden und an deren Antwort zu arbeiten. Die verstaubten Kisten zu öffnen, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Insgesamt habe ich solche Momente nur zwei Mal genießen können. Die Ablenkung und der Ärger darüber, dass der moderne Kommerz bis zum Jakobsweg vorgedrungen ist, stimmt mich traurig und nachdenklich.
Angenommen ich wäre auf die Pilgerreise gegangen, um zu Gott zu finden, was hier ja keine Seltenheit ist, hätte er vorausgesetzt, dass ich für meine Bekehrung in Geldscheinen bezahlen müsste? Seit wann ist Haben wichtiger als Sein? Gerade im Christentum?
Ich dachte immer beim Glauben an Gott gehe es um einen gepflegten Umgang miteinander, um Nächstenliebe, Gerechtigkeit, eben das, was die Bibel lehrt. Meine Schulzeit liegt schon ein wenig zurück, doch ich meine mich an solches erinnern zu können.
Unter den Aspekten müsste es gar ein 11. Gebot geben, das in etwa lauten würde "Stelle Materielles nicht über deinen Herrscher..." oder so.
Und besagt das siebente Gebot nicht "Du sollst nicht stehlen."? Nach Aristoteles fällt die Bereicherung, sprich aus Geld mehr Geld zu machen, über seines Haushalts versorgende Mittel übersteigende Einnahmen zu machen, Gewinne zu erzielen, als Diebstahl. Interessant, die beiden Schriften aus Religion und Philosophie einmal zusammen zu führen.
Mir ist natürlich klar, dass das alles alte Kamellen mit unüberschaubar weitem Interprätationsspielraum sind. Dennoch finde ich, dass der Schwerpunkt des Pilgerns auf dem Camino eine schwerwiegende negative Verschiebung erlitten hat. Der Schwerpunkt liegt nicht mehr auf den menschlichen Werten, sondern auf dem weltregierenden Zahlungsmittel. "It's all about the money!", hört man die Leute oft fluchen und sie haben Recht. Gerade von jenen, die uns das Christentum schmackhaft machen wollten, wurden wir mit am meisten ausgenommen.
Soviel steht fest: Wir haben hier zu gar keiner Religion gefunden, eher sind wir in einigen Situationen schier vom Glauben abgefallen. Aber Vorsicht ist geboten, denn meiner Meinung nach darf man den individuellen Glaube an Gott und die christliche Kirche ohnehin nicht unter einen Hut packen.

Für all die da draußen, deren Horizont vielleicht dem unseren ähnelt: Ihr wollt aus religiösen, spirituellen, sportlichen oder jeglichen anderen Beweggründen Pilgern gehen?
Wer pilgern gehen möchte, der packt seine sieben Sachen zusammen und läuft los, von der Stelle, wo er gerade steht. Kein Mensch braucht einen vorgegebenen Weg, einen vorgekauten Plan mit berechneten Häppchen für jeden Pilgertag. Kein Mensch braucht ein Stück Papier, das belegt, was er geleistet hat.
Beim Pilgern geht es um dich und um keine Trophäe, um keinen Kassenzettel oder um Beweise. Ebensowenig geht es darum sich mit anderen zu messen oder deren Leistung zu über- oder unterbieten. Es geht darum die Vernunft abzuschalten. Es geht darum loszulassen. Es geht darum Dinge zu verarbeiten und sich zu öffnen. Um die Sache vielleicht etwas einfacher zu machen, würde ich mir für das nächste Mal einfach einen Weg heraussuchen, der mich möglichst lange durch die entfernte, unberührte Natur führt, ohne Städte oder überlaufene Zivilisation, ohne Lärm, ohne Evolutionsspastiker, bitte nicht falsch verstehen! Diese Orte werden immer weniger, denn der Massentourismus und das Ausmaß am rücksichtslosen "Weltentdeckertrend-in-Opis-Klamotten-mit-Selfiestock" wachsen von Tag zu Tag.

Um nicht ganz den Miesepeter zu spielen, möchte ich mich natürlich bei meinen Wegbegleitern bedanken, die die Zeit mit mir verbracht, so manch eine Qual gemeinsam erlitten, und auch die Erfolge mit mir zusammen gefeiert haben. Ich bin stolz auf uns ALLE! :)

                 die Compostela...


 ... und der gestempelte Pilgerausweis
Nach all den vielen Gedanken, die sich wie ein Ballon in meinem Kopf aufbliesen, mussten wir Druck ablassen, die Seele baumeln lassen und das Geschehene für einen Augenblick ruhen lassen. Dazu war das Meer, der Strand, der frische Wind und die rauschende Wellen genau das Richtige.
Aus dem Grund fuhren wir nach Ondres. Hier fanden wir einen genialen Parkplatz unter Pinienbäumen, typisch für die Atlantikküste. Legal standen wir hier zwar nicht, war uns aber zunächst einmal komplett schnuppe. Mit der Meinung waren wir nicht alleine und so füllte sich der Platz bald mit ausgebauten Kleinbussen und Campervans, mit netten Leuten, Gleichgesinnten, von denen wir uns auch gleich ein paar Gewürze für das Abendessen schnorrten. Ein unkompliziertes Geben und Nehmen, das, was wir die letzten Wochen so vermisst hatten.
Als Nachtisch bekamen wir einen brennenden Stern, dessen blendend zischendes Feuer ganz langsam im seichten Dunst der Schleierwolken erlosch, bis er still und leise vom salzigen, kühlen Horizont verschluckt wurde, ihn dabei in purpure Tücher hüllte und selbst eines Schriffwracks gleich in der tiefen, weiten See versank.


 Handykamera...
Ein sehr leckerer Anblick und zugleich der letzte, bevor sich unsere müden Augenlieder schlossen, die sich erst am folgenden Morgen wieder öffneten, als es an der Scheibe klopfte...

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