Montag, 3. August 2015

Tag 16 - Der Teufel trägt Flipflops

Ein heftiges Gewitter tobte draußen, während wir uns in den frühen Morgenstunden schützend den wärmenden Schlafsack über die Gesichter zogen. Das ungedämmte Dach ließ die feuchte Kälte schnell hinein. 
Zum Glück hat Danilo gestern Abend noch unsere Wäsche reingeholt.
Als wir aufstanden, war der Wetterzorn vorübergezogen. Was blieb waren Wassermassen, tiefe Pfützen und nasse Wanderstiefel, denn diese hatten alle brav eingereiht unter den Holzbänken vor dem Haus gestanden und waren mit Regensuppe, der sich mit sonstigen Ekeleien vermischt hatte, vollgelaufen und eingeköchelt. Die netten Herbergspappis waren schon früh am Morgen darauf aufmerksam geworden und stürmten noch im strömenden Gewittertoben nach draußen, um das Kind aus dem Brunnen zu ziehen. Jedes einzelne Paar hatten sie abgetrocknet, mit Zeitungspapier ausgestopft und vor den Karmin gestellt. Zwar nicht die beste Behandlung für das Leder, den Gummi und den Kleber, aber sehr nett gemeint.
Leider reichte das nicht aus, um unsere Quadratlatschen trocken zu bekommen. Um ihnen noch etwas Zeit zu geben, gingen wir frühstücken.
Zunächst hatten wir das Esszimmer für uns alleine, dann gesellten sich 3 ältere Damen dazu. Deutsche. Instant zückten sie ihre Handys und fingen an irgendwelche höllisch lauten Videos abzuspielen, dass uns die Ohren klingelten. Sie dachten auch gar nicht daran die Lautstärke vielleicht minimal zu reduzieren. Danilo hatte irgendwann genug und warf ein sarkastisches "Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie den Ton vielleicht noch etwas lauter stellen?!" über die Tische. Natürlich kam das bei den Grazien nicht besonders gut an! :D
Aber es ist wirklich eine Tatsache, dass die Pilger, je älter sie sind, umso mehr und bei jeder Gelegenheit am Smartphone sitzen, während unser einer versucht sich davon zu lösen. Wenn ich diesen Blog nicht schreiben würde, hätte ich höchstwahrscheinlich auch gar kein Handy dabei. Aber die Wifi-Falle schnappt selbstverständlich auch bei mir immer wieder zu und ich werde verleitet mir unnützen Mist im Internet anzuschauen, statt das Hier und Jetzt mehr zu genießen. Dennoch, wir bemühen uns beide die agressiven, pollenartifen Bakterien des Netzwerkvirus mit guten Gesprächen, interessanten Leuten und Kultur zu bekämpfen. Schade, dass es keinen Impfstoff gibt.
Nun gut. Nach dem negativ-emotionsreichen Frühstück freuten wir uns auf die karmingetrockneten Schuhe, wir wurden enttäuscht. Noch immer befand sich ein halber See darin, die Sabsche drückte sich zwischen unseren Zehen nach oben, wenn wir versuchten in ihnen zu laufen, und die Situation zwang uns den heutigen Marsch in Flipflops zu bestreiten. Der Starkregen hatte natürlich nicht nur unsere Schuhe, sondern auch die Wanderwege aufgeweicht, was das Pilgern für uns gleich zu einem wahren Abenteuer machte. Knöchelhohe Pfützen und ein Rutschparadis allerfeinster Sorte.
hier noch alles gut, dann immer nasser
Mit etwas Mühe erreichten wir das erste Dorf, wo wir Josh, Eve, Niklas und Marina trafen. Die 4 hatten sich in der Zwischenzeit Spitznamen für all unsere Gruppenmitglieder überlegt. Als sie uns aber bei dem Sauwetter in Badelatschen sahen, konnten sie sich nicht halten und so wechselten unsere nicknames auf Flip und Flop, wobei wir noch nicht zu 100% ausdiskutiert hatten, wer nun wer ist. 
Nach einem kurzen small talk stampften wir weiter, die Wege wurden nicht besser. Wir kamen an eine Gabelung, an der sich der Pilgerweg in 2 Optionen teilte. Der eine führte durch die wüstenartigen Felder direkt an der Straße entlang, der andere durch einen kühlen "Wald". Natürlich entschieden wir uns für den Weg durchs Grüne und nahmen unbewusst die 800 Meter extra in Kauf.
Eigentlich hatten wir anschließend schon das Tagesziel erreicht, doch irgendwie brannte es unter den Nägeln, da ging noch einer! Wir liefen noch ein Dorf weiter und trafen unterwegs auch Simone wieder. Außer uns Dreien war kein einziger Pilger mehr zu sehen und auch wir waren heilfroh, als wir den Eingang von Carrión passiert hatten.
Die Suche nach einem Bett gestaltete sich relativ schwierig; die meisten Herbergen und Hostals waren bereits voll. Deswegen teilten wir uns auf. Wie gut, dass wir zufällig die Jugoslawen wiedertrafen und sie konnten uns sagen, wo wir unterkommen könnten.
Wir klingelten an einer Tür, die sich in einer großen, pompösen Eingangshalle befand. Kurze Zeit später öffnete eine alte Dame im Faltenrock. Wir erklährten, dass wir einen Platz für die Nacht suchten. "Si, si!", sie bat uns herein und bot uns einen Sitzplatz an. Dann trug sie uns in einer Liste ein. Aus dem Augenwinkel konnte ich angestrengt erkennen, dass eben erst zwei Deutsche eingecheckt hatten, die Namrn kommte ich allerdings nicht lesen.
Dann führte uns die nette Señora über einen großen Innenhof und gab uns bei einer zweiten Faltenrockladie ab, die uns durch das Gebäude einer alten Schule führte. Die ehemaligen Klassenzimmer waren in Schlafräume und getrenntgeschlechtliche Waschsäle umfunktioniert worden. Wir bekamenden hintersten Raum zugewiesen, in dem wir schon deutsches Gelächter hörten. Wer saß da? Simone und Wibi, perfekt! Und ohne, dass wir uns abgesprochen hatten. Zudem gab es diesmal keine Stockbetten, sondern federweiche, fette Einzelbetten.
               Zucht und Ordnung!
Frischgeduscht besorgten wir einige Kleinigkeiten im Supermarkt, die wir anschließend in der Zweiquadratmeterküche in etwas essbares verwandeln wollten, aber hier waren gerade eine Gruppe Koreaner am Werk und das hieß 4 Herdplatten waren belegt. Es gab Curry. Das würde dauern. Selbst nach 1,5 Stunden standen sie noch unverändert vor ihren riesigen Töpfen, deren Inhalt tatsächlich für eine ganze Schule gereicht hätte, und rührten Löcher in die Edelstahlböden .
Wir waren etwas frech und ermogelten uns einen Platz auf dem Herd, um dem Hungertod von der Schippe zu springen und waren auch nach 10 Minuten schon fertig.
Nach dem Abwasch kamen auch die anderen aus unserer Gruppe an, wobei die Faltenrockfraktion Eve und Josh sofort als couple identifizierten und in einen gesonderten Marriage-Room, ein Klassenzimmer nur für Paare, packten. Niklas wurde in den Männersaal und Lucy, aus Luxemburg, die auch zu den Leuten gehört, die man fast täglich wiedertrifft, wurde dem Mädchenzimmer zugewiesen. Da hatten wir ja vorhin richtig Glück gehabt! Aber wen wunderts, hier herrschten streng katholische Sitten und Regeln. 
Um 22 Uhr war Bettruhe angesagt. Die Faltenröcke taten sich auch keinen Zwang an und checkten alle Betten, ob auch jeder ordnungsgemäß senkrecht auf seiner eigenen Matratze lag. Nicht um alles, dass sie noch kontrolliert hätten, ob wir Zähne geputzt und noch mal Pipi gemacht hätten.
Ohweija! In unserem Zimmer waren selbst um 22:05 noch zwei Betten leer! Alarmstufe ROT! Wer fehlt da?! Wer kennt die Ausreißer?! Die Alten gaben keine Ruhe, bis die beiden Franzosen auch endlich in ihren Betten lagen, dann gingen alle Lichter aus, Schlafenszeit!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen