Mittwoch, 12. August 2015

Tag 25 - Ascheflocken im Sonnenschein

In Ponferrada lag der Hund noch begraben, als wir heute Morgen losstarteten. Kein Café, kein Supermarkt, keine Bäckerei, nichts hatte um 08:30 Uhr geöffnet und so sahen wir uns gezwungen unser Frühstück auf dem Weg zu suchen. Genau 3 Mal mussten wir halten, um unsere gierigen Mägen endlich ruhig zu stellen. Vielleicht lag es aber auch am Essensangebot; angeschmorrter Brotteig gefüllt mit Calamares in Tomatensoße am Morgen ist nicht wirklich das, was wir unter einem Frühstück verstehen. Um die Mittagszeit erreichten wir Cacabelos, wo gerade ein großer Flohmarkt stattfand. Mal was anderes als bloß Wanderwege, Straße und Felder. Wir schlenderten durch das bunte Meer aus Ständen und Schirmen.
Danach liefen wir weiter und sahen plötzlich eine Pilgerin in der Ferne. Irgendetwas kam uns total bekannt vor. Es dauerte eine Weile, bis wir herausfanden, was es war: die rote Metalflasche, die hinten am Rucksack hin und her baumelte, und je nach Lichteinfall der Sonne einen roten Blitz in unsere Richtung schoss. Das war doch Simone! Wer hätte gedacht, dass wir noch einmal jemanden von unserer Gruppe treffen würden, sau cool! :)
Nachdem wir sie eingeholt hatten, machten wir in einem Hippie Café in Pieros zusammen Pause, aßen unser standartmäßiges Lunchpaket und schlürften einen Smoothie, um unsere erhitzten Körper herunterzukühlen.
Beim Aufbruch trennten sich unsere Wege wieder. Nach einem kurzen aber knackigen Aufstieg hatten wir eine weite Sicht auf das, was und in den nächsten Stunden noch erwarten würde. Auch die Rauchwolke, die sich beim gestrigen Feuer ausgebreitet hatte, war noch deutlich zu sehen, scheinbar hatte sich das Feuer vor kurzer Zeit erst wieder entfacht. 


Doch zunächst sollten wir einmal Villafranca del Bierzo erreichen. Da hier Menschen ganz unbekümmert auf der Straße herumliefen, schien die Situation auch nur halb so dramatisch zu sein. Doch wir wollten noch mindestens einen Ort weiterziehen, um unsere Tageskilometer zu schaffen. Im letzten Hostal der Stadt fragten wir die Empfangsdame, ob es sicher sei heute noch weiterzuziehen, oder ob sich das Feuer zwischen uns und unser Ziel stellen würde. Ihre Antwort beruhigte uns. Da das Feuer bereits die ganze, zur Stadt gerichtete Bergseite abgebrannt habe, und es nur noch hinter dem Berg brennen würde, wäre es gar kein Problem. Somit wussten wir auch, dass wir es mit einem Waldbrandt zutun hatten. Was wir nicht wussten, dass wir genau hineinlaufen würden.
Zunächst wanderten wir nur an meilenweit verbrannter Berglandschaft vorbei. Alles war schwarz, tot, und roch verschmorrt, die Asche glühte förmlich noch. 
Am Straßenrand fanden wir eine verbrannte Schlange, sie hatte es wohl wie viele andere Tiere nicht geschafft und wurde Opfer des wütenden Buschfeuers. Als uns die Straße um den Berg herumführte, sahen wir, dass es auch hier gebrannt hatte, allerdings gab es immer wieder Flächen, die das Feuer verschont hatte; bis jetzt. Um die Situation besser einzuschätzen, blieben wir einen Augenblick lang still stehen.
"Sag mal, hörst du das? Hier knistert es doch?!" Tatsächlich tat es das! Unter dem dichten Gebüsch entfachte sich gerade wieder ein neues Feuer! Und das ging rasch. Innerhalb weniger Minuten fras sich das Feuer über die ganze, zunächst unversehrte Grünfläche, in weniger als 20 Sekunden brannte ein ganzer Baum nieder. Zwar hatte ich in Australien schon Waldbrände miterlebt, aber das hier war auch für mich ein ganz neues Level. Denn jetzt saß ich nicht irgendwo in einem Auto und fuhr daran vorbei, sondern schaute dabei zu, wie die gegenüberliegende Straßenseite abfackelte! 

Schlimm daran war für uns nicht einmal das Feuer selbst, sondern die starke Rauchentwicklung. Also, Beine in die Hand und raus hierHätte uns die Rezeptionsdame lieber mal eher gesagt, dass unser Zielort Pereje eben genau hinter dem brennenden Berg liegt!
Der ganze Qualm hatte sich so sehr ins Tal gelegt, dass irgendwann jeder Luftzug im Hals kratze und dummerweise war noch kein Ende in Sicht. 
Ab und zu kam ein Helicopter, der gerade seine Siesta beendet hatte, vorbeigeflogen, der versuchte das Feuer in Schach zu halten, mit mäßigem Erfolg.
In Deutschland hätte man längst 30 Feuerwehrwagen rausgeschickt und die Straße gesperrt, aber hier sah man das alles nicht so eng. Ist ja bloß Feuer.
Ich spürte, wie ich langsam Gänsehaut bekam, während ein Baum nach dem anderen dem Feuer erlag. Diese Art Gänsehaut, die man bekommt, wenn sich das Adrenalin unter die Haut legt, weil gerade etwas echt ungünstiges passiert. Mit großen Schritten fielen wir in Pereje ein. Hier war zwar kein Brand zu sehen, dafür rieselten kleine, zarte Flöckchen vom Himmel. Flöckchen aus verbranntem Laub, Ascheflöckchen. Schnell suchten wir die einzige Herberge auf und erkundigten uns nach der Lage der Situation. Die Dame am Empfang konnte kein Englisch und lachte nur vor sich hin, ein französischer Gast versuchte uns zu beruhigen. "Na Leute, ich hoffe ja mal nicht, dass das Feuer bis hier rüber kommt, aber wenn doch werden wir halt evakuiert...", schmatze er und freute sich über die Ausnahmesituation. Irgendwie hatten wir aber gar kein gutes Gefühl bei der Sache und entschlossen uns noch weiter zu laufen. Eine gute Entscheidung! Endlich kamen wir aus der Asche- und Rauchwolke heraus und konnten wieder durchatmen. Wie 2 ausgehungerte, gestrandete Obdachlose schleppten wir uns über die Sechunddreisigkilometergrenze und versuchten willenlos einfach nur im erstbesten Hostel einzuchecken. Die Rezeptionistin war davon gar nicht begeistert schon wieder Kundschaft zu haben. Nachdem wir weder begrüßt noch bedient, sondern bloß mit abgenervten Blicken abgefertigt wurden, machten wir kehrt und folgten unserem Prinzip unfreundlichen Leuten kein Geld in den Rachen zu werfen. Den beiden bekannten Pilgergesichtern, die wir hier trafen, die gerade versuchten ein Abendessen zu ordern, riefen wir nur noch ein "Viel Glück!" zu. Die nächste Herberge war ausgebucht, unsere Zuversicht sank. Was für ein Tag...
Dann kamen wir an einer Pension vorbei. "Bestimmt viel zu teuer!", dachten wir. Trotzdem riskierten wir einen Blick. Der Mann, dem die Pension gehörte, freute sich über Gäste und zeigte uns seine Zimmer, nachdem er uns ein Glas kühles Wassee gegeben hatte, um unsere brennenden Kehlen zu löschen. Für 30 Tacken genehmigten wir uns einen Double Room und waren nun wohl die glücklichsten Menschen auf diesem Planeten! Zwar gab es weder Internet noch Netzverbindung, da die Leitungen durch das Feuer beschädigt wurden, dafür gab es eine Regendusche, einen riesigen Teller Suppe zum Abendessen mit den anderen Gästen des Hauses, 5 Stück an der Zahl, eine sonnige Dachterasse und ein ruhiges, sauberes, bequemes Zimmer für uns allein.







Impressionen des Tages:

hinter dieser Kirche befanden sich zig Pilgerkabinen, Wand an Wand!


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