Der Morgen fing sehr gediegen an. Ein ausgiebiges Frühstück a la Danilo gab uns so viel Power, dass wir schneller als Schmitts Katze durchstarten konnten. Doch um die Mittagszeit lies die Kraft und auch die Lust merkbar nach. Auslöser für unsere Demotivation waren diese bunt gekleideten Gestalten in der Ferne, die sich im Minutentakt zu vermehren schienen. Wie bei einer mikroskopisch beobachteten Zellteilung flöpten immer wieder neue Farbpatikel aus den vorderen Reihen und entwickelten sich beim Annähern als DayPis. So werden jene Pilger bezeichnet, die eine Tagesstrecke ohne Gepäck, ohne jegliche Anstrengung erledigen und Abends entweder mit dem Bus weiterfahren, oder am Ziel in ein 5-Sterne-Hotel einchecken, in dem ihr Trolli schon auf sie wartet. Ein-Tages-Pilger eben. Die haben keine Sorgen mit Rückenschmerzen, Zeitdruck oder Nahrungsmangel, nein. Bei ihnen ist alles von Kopf bis Fuß durchgeplant, bezahlt und sorgenlos. Dazu tragen sie super sportliche dress code und Nike Freeze. Die DayPis lassen sich aber noch einmal unterscheiden in die Luxus-DayPis, die das volle Paket gebucht haben, und die Nullachtfünfzehn-DayPis, die sich abends nicht in ein Hotel verziehen, sondern noch die Frechheit besitzen uns den Schlafplatz wegzunehmen. Und das funktioniert so: Die DayPis geben am Vorabend einen Auftrag in ihrer Herberge ab, dass ihr Gepäck am nächsten Morgen abgeholt und in die Unterkunft ihres Tageszieles gebracht wird. Damit reservieren sich die Faulpelze gleichzeitig ein Bett. Sie können dann ganz ruhig und lässig nach ihrem Brunch am Morgen herumtrödeln und irgendwann abends eintreffen. Unser einer jedoch muss sich mit der Last auf dem Buckel ständig beeilen, sodass wir nicht nach 16, maximal 17 Uhr am Ziel ankommen, ansonsten ist alles ausgebucht und wir müssen in Ungewissheit weiterlaufen.
Sinn und Zweck für die meisten DayPis ist nicht etwa eine neue spirituelle Ebene, eine fremde Kultur, eine Religion oder sonstiges zu entdecken, es geht ihnen um die begehrte Compostela, die Urkunde, die beweist, dass man mindestens 100 Kilometer gepilgert ist. Es geht ihnen um etwas materielles, das sie vorzeigen und mit dem sie prahlen können. Und da liegt auch der springende Punkt: die 100k-Grenze. Sobald man diese unterschreitet, platzt der Camino plötzlich aus allen Nähten. Keine Chance mehr alleine zu laufen. Teilweise war es so schlimm, dass wir in richtige Pilgerstaus gerieten, in denen einfach gar nichts mehr ging. Im Schneckentempo und feinsäuberlich in Reih und Glied schleusten wir uns mit all den anderen Pilgern durch die manchmal sehr engen Passagen. Total behämmert. Spätestens jetzt hatte dieses ganze Pilgerding für uns jeglichen Sinn verloren. Wir wollten es nur noch zu Ende bringen.
In Portomarin war heute Endstation. Jedoch nicht nur für uns, sondern noch für hunderte andere. Wir beeilten uns und schafften es gerade noch so 2 Betten im Ausweichzimmer zu bekommen. Das Ausweichzimmer war eigentlich das Behindertenzimmer. Insgesamt gab es 2 Stockbetten und ein eigenes Badezimmer, behindertengerecht aber sehr dreckig und die Dusche war out of order. Das Licht im Bad funktionierte über einen Bewegungsmelder, der jedoch nur für knapp 5 Sekunden hielt. Sprich, wollte man auf Toilette oder Zähne putzen, musste dies im Tanzen passieren. Das Licht im 'Schalfzimmer' ging um 17 Uhr auf einmal an und ließ sich auch nicht ausschalten, es gab huer einfach keinen Lichtschalter, die Lichtquelle hatte irgendwo einen Zeitschalter, der den Strom erst um 22 Uhr abknipsen würde. Und danach würde es auch dunkel bleiben. Sehr behindertengerecht...
Dann checkte ein brasilianisch-amerikanisches Couple ein und besetzte zusammen mit der Schwester des Amis die anderen beiden Betten. Die Schwester breitete sich im oberen Bett aus, das Couple teilte sich das untere. Zunächst verstanden wir uns alle ganz gut. Die Schwester, ich schätze sie mal auf rund 30 Jahre, recht stämmig und wenig gesprächig, verzog sich direkt ins Bett, während die anderen Beiden einen Mittagsspaziergang machten. Sie lag noch keine 2 Minuten in der Horizontalen, da fing die an zu sägen wie ein besoffener Baumfäller. Vielleicht trug die halbleere Flasche Wein in ihrem Bett auch ihren Teil dazu bei. Jetzt lachten wir noch...
Mit dem Abendessen gestaltete es sich auch ein wenig schwierig. Die Herberge verfügte zwar über eine Küche, stellte aber weder Töpfe noch Besteck bereit. Notgedrungen suchten wir ein Restaurant mit halbwegs humanen Preisen auf.
Gerade als unser Essen kam, nahm auch die nette, italienische Reisegruppe an der Tafel nebenan Platz. Welch Freude.
Als wir nach Hause kamen, standen unsere Schlafplätze auf der Kippe, denn eine körperlich behinderte Pilgerin, die natürlich Anrecht auf das Zimmer hätte, hatte sich angekündigt. Doch die Drohung blieb leer, sie kam nicht und wir durften in unserem Drecksloch wohnen bleiben. Da es draußen fast schon winterlich kalt war, wollten wir uns schon früh schlafen legen. Mit dem grellen Licht im Gesicht war das jedoch nahezu unmöglich. Wir mussten wohl oder übel bis 10 Uhr warten. Der große Zeiger hatte den höchsten Punkt längst überrundet, als die verdammte Funzel endlich den Saft entzogen bekam. Endlich! Nix wie ab ins Land der Träume!
Doch dann öffnete sich die Tür und die amerikanische Suffnase kam telefonierend herein, setzte sich auf ihr Bett und quasselte unbeeindruckt weiter. Toll. Gegen 11 war sie dann auch mal fertig, wickelte sich lautstark in ihren Schlafsack. 1 Minute voller Stille. Genüsslich atmeten wir beide auf und freuten uns nun endlich einzuschlafen. Krrröääächhh! Was zur Hölle!? Das darf doch nicht wahr sein, jetzt fing die Olle halt schon wieder an Holzstämme zu sägen! Mit ihrer Stihl MS 3786525, neuestes und lautestes Model! Einer nach dem anderen liefen wir komplett entnervt aus dem Raum. Wo sollten wir jetzt schlafen?! Draußen war es viel zu kalt, zelten würde nicht funktionieren. Die einzige Möglichkeit bot der schmutzige, kalte Küchenfußboden. Danilo schleppte seine Matratze aus dem Zimmer und baute sich sein Lager in der Küche auf. Ich gab mich mit der Isomatte zufrieden. Mittlerweile hatten wir es nach 0 Uhr.
Wendig wie ein Broiler im Bräter drehte ich mich von einer Seite auf die andere und versuchte irgendwie zur Ruhe zu kommen. Dann hörte ich Schritte im Treppenhaus, das an der Küche angrenzte. Kein Grund zur Panik, es suchte bloß jemand die Toilette auf. Mir war ja nicht bewusst, dass man hier jedes laue Lüftchen durch die Tür hören konnte. Was auch immer die Person am Tag zuvor gegessen hatte, es bekam ihr gar nicht und ich war Ohrenzeuge!
Das Blaskonzert wiederholte sich halbstündig. Um 04:13 Uhr ging es dann schon wieder los mit den ersten Pilgern, die sich fertig machten, um in der Finsternis die gelben Pfeile des Pilgerweges zu suchen. In welchem Irrenhaus waren wir hier nur gelandet? Mit rotunterlaufenen Augen kauerte ich mich ein letztes Mal in den Schlafsack, doch dann gab ich auf und packte zusammen.
Impressionen des Tages:




Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen