Dienstag, 18. August 2015

Tag 32 - Der Ort an dem sich Pech und Glück vereinen

Heute nur 11 km, das wird ein Klacks! Der Sprühregen setzte ein, nachdem wir die Eingangstür der Pension zugezogen hatten. Schön in das noch recht müde, zerknitterte Gesicht. Aber heute konnte uns Nichts etwas anhaben, heute würden wir nämlich nach knapp 32 Tagen, 691.200 Atemzügen oder 768 Folgen Game of Thrones eeendlich die Zielgerade durchlaufen! Also los!


Tatsächlich bemerkten wir nicht einmal, dass wir die Stadt längst betreten hatten, einzig und allein ein diese rote Aufschrift wies uns schließlich darauf hin.
Leider fanden wir hier keine Ordner, keinen Infostand, gar eine Tafel, die erklärt hätte, wie es nun für uns weitergeht, wohin wir gehen müssten. Aber der Weg führte uns zu der Sehenswürdigkeit, weswegen wir ja eigentlich hier waren: Die Santiago de Compostela Cathedral.
Mit Regenwasser auf den Linsen begutachteten wir diesen riesigen Bau aus Türmen, Toren, Verzierungen und Bauzäunen, der gerade 10 Uhr schlug. 
Etwas störend dabei waren die Bettler, die sich an den Eingängen und auf den großen Plätzen rund um die Cathedral einquartiert hatten und ihrer 'Arbeit' sehr hartnäckig nachgingen. Viele von ihnen kamen uns sehr unecht vor. 
Das nächste Manko bot sich kurz danach, als wir einen Blick in die Gebetsstätte werfen wollten. Große Transparente besagten: "Backpacks sind hier verboten!" Nanu?! Wo sollen wir sie denn hinpacken? Somit waren wir vorübergehend vom Besuch ausgeschlossen. Stämmige, grimmig funkelnde Securities achteten genauestens darauf, dass sich kein Rucksackträger durchmogelte. Wir bekamen von einem bekannten Mitpilger den Tipp unsere Sachen in der Postfiliale zu hinterlegen, natürlich nicht unentgeltlich. Was für ein Quatsch! Naja gut, dann kümmern wir uns erst einmal um unsere Heimreise, wir suchten über einige Umwege die Pilgerinformation auf. Hier bekamen wir keine Information über die Transportmöglichkeiten, denn es war ja heiliger Sonntag, der Schalter war also nicht besetzt. Dafür holten wir unsere Compostela ab. Wie auf dem Amt stellten wir uns an und warteten, bis der Gong ertönte und die verpixelte neongrüne Zahl auf der Tafel uns anzeigte, an welchen Schalter wir uns stellen durften.
Ich will gar nicht wissen, wie es hier (nach-)mittags zugeht!
Am Schalter beantworteten wir einige Fragen, unser Pilgerausweis wurde penibel genau unter die Lupe genommen, inzwischen füllten wir einen obligatorischen Zettel aus. Danach bekamen wir das begehrte Stück Papier ausgehändigt. Man merkte schon, dass das Personal hier nicht bezahlt wurde, denn die halbwegs freundliche Dame schaffte es nicht einmal meinen Vornamen richtig zu schreiben, Danilo brauchte drei Versuche, bis die Worte auf der Compostela einigermaßen deren auf seinem Personalausweis gleichten. Schmunzelnd verließen wir das 'Büro' und versuchten weiterhin jemanden zu finden, der uns das Ticket nach Frankreich verkaufen würde. Die Touristeninformation hatte ebenso wenig Zugriff auf die ALSA Website, aber die nette Frau erklärte uns zumindest, dass die Züge für die nächsten drei Tage ausgebucht seien und ein Gang zum Bahnhof unsinnig wäre. Weil sie dann aber auch am Ende mit ihren Latein war, zeichnete sie den Weg zum Busbahnhof auf einer Karte ein und wünschte uns viel Glück. Keine 30 Minuten später standen wir am nächsten Schalter an, diesmal an dem von ALSA, der im übrigen einzige, der überhaupt geöffnet war. Als wir an der Reihe waren, versuchten wir der guten Frau, die schon den Nullschnallerblick aufgesetzt hatte, zu erklären, dass wir bereits gestern eine Reservierung für eine Fahrt am heutigen Abend vorgenommen hatten, uns aber unsicher waren, ob diese geglückt sei. Sie fuchtelte hinter ihrer Glasscheibe herum, faselte irgendetwas auf Spanisch, was man durch den kaputten Lautsprecher ohnehin nicht verstehen hätte können, und verkündete schließlich, dass es keine Reservierung gäbe. Also kauften wir zwei neue Tickets für den morgigen Tag und liefen zurück in die Stadt, wir mussten uns ja nun noch einen Schlafplatz suchen. Es war 11 Uhr morgens. Vier Herbergen, die wir eine nach der anderen abliefen, waren bereits jetzt schon ausgebucht. Jetzt war es gerade mal 12 Uhr, die Pilgermesse, die nur 1 Mal am Tag stattfindet, hatte nun begonnen und wir zwei Pechvögel eierten immer noch planlos mit Gepäck durch die Gegend und wussten nicht, wo wir bleiben sollten.
In einer glücklichen Sekunde trafen wir auf eine hilfsbereite Rezeptionsdame, die so freundlich war und uns telefonisch zwei Betten in einer etwas außerhalb liegenden Herberge organisierte. Doch der Weg dorthin brachte einige Schwierigkeiten mit sich, es dauerte Ewig, bis wir dort ankamen. Während wir durch die ewigen Straßen der Stadt duselten, kam wie aus dem Nichts eine alte spanische Dame auf uns zu gelaufen. Sie sprach uns an, als ob sie genau wüsste, was wir suchten und sie brachte uns, ohne dass wir danach gefragt hätten, zu unserer verborgenen Herberge. Danach verschwand sie lächelnd... Der alte asiatische Mann, der uns dort empfing war schon etwas ungeduldig und fragte mürrisch, wo wir gewesen wären. Über die Antwort auf seine Frage, wie lange wir für den Camino gebraucht hätten, lachte er nur spöttisch. "Da wart ihr aber ziemlich langsam, aber gut! Nun seid ihr ja da!", zischte er. Na ganz toll, was für ein Spacken! Aber egal, wir wollten bloß in unser 18-Betten-Zimmer, die Beine lang machen und nichts hören oder sehen. Mittlerweile war es fast 14 Uhr! Da wir hier zumindest Wifi-Zugriff hatten, erledigte ich ein paar Dinge im Internet. Beim Durchforsten meiner hundertnochwas E-Mails in meinem Spam Ordner wurde mir schlagartig so übel, dass ich um ein Haar auf den klebrigen Herbergsboden gereiert hätte. Unter all den "Shopp-dich-schlank", "Hey-Schnucki,-würde-dich-gerne-kennenlernen", "Benötigen-Sie-einen-Kredit?" und "Sie-haben-gewonnen!"-Mails, fand ich doch glatt die von gestern vermisste Bestätigungsmail mit den beiden Tickets für den Bus, der uns um 18 Uhr nach Frankreich bringen würde! Hatten wir gerade allen Ernstes über drei Stunden damit verbracht unsere Heimfahrt zu organisieren, eine Herberge zu finden und dafür die Pilgermesse sausen lassen, um jetzt mit vier Bustickets auf einem überflüssig bezahltem, durchgelegenen Stockbett zu sitzen?! Mein Hirn wusste gar nicht mehr welche Emotionen es fabrizieren sollte. Wut, Hass, Ernüchterung, Freude, Erleichterung, Trauer, Hunger, nicht jetzt Hirn!, Stress, Verzweiflung? Es war ein Mix aus alledem. Danilo konnte in dem Moment schneller reagieren und rannte zu unserem Asiamann, um ihm die missliche Sachlage zu erklären. Der war schon auf 180 als er den namen ALSA nur hörte! "Bloody people, bloody company!", schimpfte er mit schlechtem Akzent und griff zum Telefonhörer. Die Warteschleife schien sich förmlich um seinen Hals zu legen, denn sein Kopf wurde knallrot und und drohte zu explodieren. Er hämmerte den Hörer auf die Gabel und schaute uns ernst an. "Ihr geht jetzt direkt zurück zum Busbahnhof, ihr erklärt den verdammten Leuten dort genau das, was ihr mir geschildert habt. Und ihr verlangt die Rückerstattung eurer Tickets! Dann nehmt ihr den Bus heute Abend und ihr bekommt von mir euer Geld für die Betten zurück." Mit ausgestrecktem Zeigefinger, der etwas krumm in Richtung Ausgang deutete, schickte er uns los, wir gehorchten dankend. Die Emotionssuppe in unseren Köpfen wurde mit jedem Schritt langsam klarer, wir puzzelten zusammen, was wir der ollen Pluntze am Schalter gleich um die Ohren schlagen würden. Doch da wir am kürzeren Hebel saßen, wollten wir es zunächst im freundlichen Ton versuchen. 
Frau Luft-zwischen-den-Ohren erkannte uns erst gar nicht wieder, nachdem wir ihr mit Händen und Füßen rüberbringen konnten, was Sache war, erstattete sie uns den Kaufpreis, abzüglich 8€ Bearbeitungsgebühr, aber darum wollten wir nicht mehr feilschen, wir wollten bloß zurück in die Herberge, unsere Sachen packen und verschwinden.
Mit runzeliger Miene stand der Herbergspapa am Empfang und wartete angespannt auf unsere Berichtetstattung. Als wir endlich wieder lächelnd durch die Tür kamen, wurde auch sein Gesicht plötzlich weich und freundlich. War wohl nicht das erste Mal, dass er so etwas erlebte.
Wir für unseren Teil sprangen fix unter die Dusche, drückten dem uns jetzt sehr sympatischen Asiamann je 3 Euro in die Hand und schwangen uns in die Stadt, um uns für die 14 Stunden Busfahrt zu stärken. Es muss ein Wink vom Himmel gewesen sein, denn plötzlich liefen wir Wibi, Niklas, Josh und Eve in die Arme! Wie cool war das denn? Unsere verlorene Gruppe, am Ende doch noch einmal wiedervereint! "Heyyy, Flipflop!", jauchzte Josh. Bei all dem Durcheinander war ich dann doch schon fast den Tränen nahe, als wir uns allen in die Arme fielen. Wie war das? Jeder weint 1 Mal auf dem Camino? Doch ich konnte mich zusammenreißen, Danilo war sowieso wie gewohnt cool. Die Wiedervereinigung war leider nur von kurzer Dauer, wir hatten noch 30 Minuten, bis unser Bus losfahren würde, mit oder ohne uns!

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