Montag, 17. August 2015

Tag 30 - Tote Fische schwimmen mit dem Strom

Niemals hätte ich gedacht, dass wir mal die Ersten wären, die morgens aus den Federn kommen würden! Heute war es aber tatsächlich so. Danilo hatte die Nacht wiederholt außerhalb, in der Eingangshalle, geschlafen weil ihm die Schnarcherei zu laut wurde. Normalerweise sind es die älteren Männer, die so laut zackern, diese Nacht ging die Lärmbelästigung zum zweiten Mal auf die Kappe einer Frau. Somit lassen sich nun keine Prognosen mehr stellen, man muss abends in jedem Fall davon ausgehen, dass es laut wird, auch wenn nur Damen im Zimmer schlafen.
Gestern war dieser Ort so schön ausgestorben, menschenleer. Am heutigen Morgen mussten wir buchstäblich abwarten, bis sich eine Lücke im Pilgerstrom ergab und dann schnell aufspringen. Das Wetter hatte sich leider nur minimal verbessert, es war einen Ticken wärmer geworden, doch es regnete weiterhin. Ebenso war der allgemeine Gemütszustand. Wir waren einfach durch und durch abgenervt von unserem Umfeld. Die Leute mit ihren Minirucksäcken und Markenklamotten, die in ihren riesigen Gruppen den Camino verstopfen, laut rumgrölen und überall ihren Müll liegen lassen. Da läuft man durch den schönsten Eukalyptuswald und überall wachsen Taschentuchsträucher, Coladosenbäume, Glasflaschenfeilchen und Plastiktütennesseln. Dazwischen benutze Hygieneartikel, Papierchen und Kippenstummel; kein Wunder, dass es hier immer wieder anfängt zu fackeln.
Mir ist es sowieso ein Rätsel, warum man in einer Gruppe zum Camino kommt. Wie soll man abschalten und in sich gehen, wenn man 5 schwatzende Kosmetiktestgelände neben sich herlaufen hat, die ständig von ihren  Besuchen im Nagelstudio, beim Friseur oder Solarium erzählen? Oder ganze Reisegruppen, die laut plärrend den anderen, Ruhe suchenden Pilgern zur Last fallen. Ich frage mich, wie die Organisatoren für den Pilgertrip werben. Vielleicht mit "Sie wollten schon immer mal weit von zu Hause weg anderen Leuten so richtig auf den Wecker fallen? Sehen, wie echten Pilgern die Farbe aus dem Gesicht fällt, wenn sie erfahren, dass es keine Schlafplätze mehr gibt, weil Sie ihnen diesen weggeschnappt haben? Wilde Pilger in freier Laufbahn mit schwerem Gepäck auf dem Rücken beobachten, währrenddessen Sie in unserem klimatisierten Bus und einem leckeren Kaffee in der Hand an ihnen vorbeifahren? Natürlich können Sie den wilden Pilgern zuwinken, aber Vorsicht: Manche von Ihnen beißen! Für die ganz Mutigen unter Ihnen: Wir geben Ihnen exklusiv die Möglichkeit eine Tagesstrecke mit den wilden Pilgern mitzulaufen! Ein Erlebnis, dass sie nie vergessen werden! Dazu gibt es eine prickelnde Flasche Sekt, eine Fußmasage mit ganz viel Glitter und wir kriechen ihnen selbstverständlich in den faulen Po. Nicht enthaltene Leistungen: Auslandskrankenversicherung, falls sie von den Wilden attackiert werden."
Ernsthaft spielten wir mit dem Gedanken hier abzubrechen. Warum sollten wir etwas tun, worin wir die Freude verloren hatten? Aber aufgeben konnten wir dann doch nicht. 
Ernsthaft spielten wir mit dem Gedanken hier abzubrechen. Warum sollten wir etwas tun, worin wir die Freude verloren hatten? Aber aufgeben konnten wir dann doch nicht. Also schwammen wir weiter mit dem Strom.
Die Füße wollten heute keine Extrameter mehr laufen, darum stoppten wir in Arzua, einer äußerst unattraktiven Stadt. Wir klapperten jedes Hostel, jede Herberge und jede Pension ab, fragten nach einem bezahlbaren Doppelzimmer, da wir heute endlich einmal gut schlafen wollten. Als wir das Stadtende erreicht hatten, ubd keinen Willen aufbringen konnten noch eine Strecke dranzuhängen, überredeten wir uns in eine etwas altmodische, aber saubere Pension einzukehren. Saubere, bequeme Betten, ein bakterienfreies Bad, sogar einen Fernseher, womit wir rein gar nichts anfangen konnten. 
Zum Mittagessen suchten wir uns heute ein Restaurant aus. Bei der Speiseauswahl spielten wir Russisch Roulet und bekamen diese zwei Spezialitäten vorgesetzt:

Wir wissen immer noch nicht so genau, was wir da gegessen haben, satt wurden wir aber allemal. 
In nur 2 Tagen würden wir endlich das Ziel erreichen, es war schon zum Greifen nahe.

Impressionen des Tages:

       Danilo benebelt vom Eukalyptus


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