Donnerstag, 23. Juli 2015

Tag 7 - Spanische Traditionen und dicke Knöchel

Der Sturm hatte sich endgültig verzogen, als wir unsere immer noch müden Knochen aus unseren Betten streckten, um das bestellte Frühstück einzunehmen. Kurze Zeit später befanden wir uns schon wieder schwerst motiviert auf dem Weg, der bereits jetzt schon alles von uns forderte. Allmählig streikten unsere Füße, die ersten Schritte am Morgen fielen richtig schwer. Irgendwas schien nicht zu stimmen, denn die anderen Pilger hatten zwar auch ihre Wehwehchen, allerdings weitaus erträglichere als wir. 
Unterwegs kamen wir mit einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten ins Gespräch, der uns einige Tipps gab, worauf er mit aller Gewalt schwor, erstaunte uns doch sehr. "Ihr jungen Leute werdet es mir wohl kaum glauben, mich für vollkommen bescheuert erklähren. Aber, ihr müsst mir glauben, das hilft wirklich! Stellt die Schuhe vor euch und pinkelt rein! Das ist mein Ernst, eine ordentliche Ladung Urin! Und dann anziehen! Solange, bis das Urin einzieht und trocknet!" Jau, was gibt es schöneres, als sich in die 180€ Schuhe zu pullern!? Kann man ruhig mal machen.
Aber irgendwo machte es auch Sinn, der Harnstoff macht das Leder geschmeidig. Ich frage mich ja nur, wer das wann, warum und wie herausgefunden hat! :D
Bisher haben wir noch keinen geeigneten Moment gefunden, um es auszuprobieren. Würde ja auch echt seltsam aussehen, wenn sich jemand im Hostel hinstellt und freudestrahlend in seine Latschrn schifft. Urin, ein Wundersaft!
Nun denn. Wir erreichten Viana, ein sehr stolzes, traditionsbewusstes Städtchen. Scheinbar kamen wir hier genau zur richtigen Zeit an, denn hier fand gerade irgendein Festival mit rieseen Rambazamba statt. Um 14:00 Uhr sollte es einen Stierkampf geben und uns wurde strengstens geraten, solange zu warten, sowas müsse man einmal gesehen haben. Da all die anderen Pilger auch blieben, schlossen wir uns an. In der Zwischenzeit sahen wir eine Parade, es wurde Musik gespielt und alle trugen weiß und rote Kleidung mit dem Stadtwappen. 
Erwachsene und Kinder waren bester Laune und genossen den Gaudi mit gutem Essen und kühlen Getränken. 

auch wir gönnten uns ein paar Leckerlies

Um 12:00 Uhr besuchten wir einen spanischen Gottesdienst. Schon witzig, wenn man kein Wort versteht, wenn die Spanier da vorne volle Kanne loslegen. Aber es war sehr herzlich und die Leute behandelten uns, als würden wir ein Teil von ihnen sein. 

Danach ging es los: Die schmale Gasse wurde geräumt, Tische und Bänke würden hineingetragen, die Türen und Fenster wurden mit schweren Eisengittern verriegelt. 
Es kam uns vor, als würde gleich der Krieg ausbrechen!
Wir suchten Schutz hinter dem Kirchengeländer. Vor mir stand ein kleines Mädchen und wartete gespannt mit großen Augen auf die Stiere, die gleich durch die Straße galoppieren würden. Ein paar schaulustige Jugendliche standen lässig an Gittern und Toren gelehnt, als plötzlich ein lauter Knall ertönte. 
Da wir gar keine Ahnung hatten, was geschenen würde, blickten wir hektisch nach links und rechts. Auf einmal kam der erste Stier im Affenzahn angerannt, störrte sich aber keineswegs an all den Zuschauern, sondern rannte viel mehr um sein Leben. Ein zweiter Knall, 3 weitere Stiere. Die Tiere wurden einmal quer durch die Stadt gejagt, dabei mit Spritzpistolen angespritzt und mit Füßen getreten. Einige junge Männer begaben sich in "größte Gefahr", als sie immer wieder in die Bahn der Stiere rannten. Eigentlich interessierte die Tiere das ganz und gar nicht, sie versuchten nur aus der Situation herauszukommen. Meiner Meinung nach hatten sie einfach nur Angst!
Nachdem der Schwarm an Mensch und Tier 3 Mal an uns vorbeigeflitzt kam, beschlossen wir unsere Reise fortzusetzen, denn wir konnten uns für diese Tradition beim besten Willen nicht begeistern und wollten vorallem vermeiden das Ende der Show zu sehen!
Als wir der Stadt schon längst den Rücken gekehrt hatten, hörten wir es wieder knallen und ahnten schon schlimmes! Doch wir wurden später beruhigt, die Tiere wurden nicht in der Arena erlegt. Zum Glück! 
Nunja, nach einem noch mal langen Marsch konnten wir schon Logroña erblicken, wo unsere Tour für heute enden sollte. Gerade liefen wir eine Art Fahrradweg entlang und freuten uns bald die Füße hochzulegen, da kam uns jemand verdächtig bekanntes in einem grellen Shirt entgegen und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Das glauben wir ja nicht, HEY, das war doch Melly, die da winkt und uns lachend in die Arme läuft! Tatsächlich war sie es! 
Dabei war sie doch vor einigen Tagen mit dem Bus auf den Camino del norte gewechselt. Und plötzlich stand sie wieder vor uns.
Sie hatte solche Sehnsucht nach ihrer Gruppe, dass sie einfach zurückgekommen war. Wegen der schlechten Netzverbindung wusste sie aber gar nicht, wo die Truppe aktuell unterwegs war und suchte einfach auf gut Glück. So hatte sie nun auch uns gefunden, die verrückte Nudel! :)
Sie lief den Anderen weiter entgegen und wir machten uns weiter nach Logroño, um uns dort schnell ein Heim zu suchen, denn besonders der untere Teil unseres Körpers schmerze mittlerweile sehr.
Ein Hostel war gefunden, gleich danach gingen wir eine Runde durch diese schöne Stadt, schleckten ein Eis im Park in der noch sehr warmen Abendsonne und suchten den ersten richtigen Supermarkt seit Tagen auf. Es war wie im Paradies!
Das Eingekaufte verarbeiteten wir in der Hostelküche umgehend in ein speicheldrüsenexplosionswürdiges Abendessen, sodass wir anschließend wie 2 dicke Wahlrosse in unsere Stockbett. Gott, tat das gut! Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Herrschaften an der improvisierten Rezeption vergessen hatten, uns überhaupt einen Cent dafür zu berechnen...natürlich freuten wir uns über die eingesparrten 14 Tacken und das schlechte Gewissen blieb aus, wurden wir doch die letzten Tage selbst genug ausgenommen. Ein 5-octaviges Schnarch- und Grunzkonzert begleitete uns in das Land der Träume.

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