Montag, 27. Juli 2015

Tag 10 - verstoßene Kartoffeln, bekannte Obdachlose und ein altes Bauernhaus

Draußen war es noch grau und sehr kühl, als uns der Wecker sanft aus dem Traumland holte. Die dicke, graue Wolkenschicht am Himmel versprach in den nächsten Stunden auch keinen positive Wetterumschwung. Bedeutete für uns, dass wir nun zum ersten Mal die dicken Klamotten auspacken mussten. 
Um uns noch etwas Gutes zu tun, bevor wir losmaschierten, fragten wir die nette Hausherrin nach einem spontanen Frühstück. Es schien, als habe sie nur darauf gewartet und schon war sie in ihrem Element. 
Aufgetischt wurde Saft, heißer Kakao, Toast, ganze 4 verschiedene Sorten selbstgemachte Marmelade und nicht zu vergessen den äußerst koffeinhaltigen Kaffee, der Danilo plötzlich in ein tollwütiges Eichhörnchen verwandelte.
Mit der eingesammelten Energie wagten wir uns zurück auf die Piste. Draußen war es sehr kalt und der weiche, nasse Morgennebel küsste langsam die frierenden Felder und Büsche wach. 
Kurz vor Saint Domingo de la Calzada passierten wir ein Firmengelände. Auf der einen Seite Fabrikgebäude, auf der anderen ein kahler Acker, auf dem große, braune Erdeberge in den Himmel ragten. Massig Grund, Pflanzenreste, Geröll, Kartoffeln und...moment mal! Kartoffeln? Ja tatsächlich! Inmitten dieser "Abfälle" lagen da plötzlich ein paar arme, aus optischen Gründen verstoßene Kartoffeln herum, die hier keiner mehr haben wollte. Da aie für das Unternehmen scheinbar nur Ausschuss waren, hüpften wir wie die Feldhasen über den kleinen Graben und sammelten die Leckerbissen ein. Bratkartoffeln, Kartoffelecken oder Spalten, Kartoffelbrei, Grataîn, Pommes,...was würden wir daraus alles zaubern können! Wir freuten uns jetzt schon einen Ast über unser wartendes Festmahl! 
Ansonsten war die heutige Strecke vorallem landschaftlich recht uninteressant, wir schlängelten uns von einem Dorf ins nächste, von Berg zu Tal und Tal zu Berg, Getreidefeld an Getreidefeld, bis wir nach erträglichen 21km Viloria de Rioja erklimmt hatten. 
Am Ortseingang liefen wir an einer Herberge vorbei, aus der umwerfend duftende Essensgerüche heraustraten. Keine 5 Minuten später hatten wir uns hier eingebucht.
Die Herberge war eine alte Bauernscheune, moderinisiert auf 2 Etagen, finanziert durch einen Festpreis für die Betten, alles weitere auf Spendenbasis. Unten war die Küche, unverputzte Wände, Steinboden, wie man ihn aus einem Saustall kennt, eine sehr einfach aufgebaute Küchenzeile, überall hingen getrocknete Tomaten, Knoblauch und Kräuter von der Decke. Die obere Etage war zum einen Teil privat, der andere Teil war Schlaffläche für Pilger. Ein großer Raum, 2 kleine Nieschen, 10 Stockbetten, 2 Bäder, alles für uns, denn heute würde keiner mehr einchecken. 
nicht sonderlich hübsch, aber zweckmäßig

Um uns die Zeit ein wenig zu vertreiben, trotteten wir ein Mal durch das 100-Seelen-Dorf. Hier gab es wirklich nicht viel zu sehen. Lediglich ein paar Bauern- und Wohnhäuser, eine Kirche und ein Rathaus, vor dem auf 2 Bänken 2 in Schlafsäcken mumifizierte Menschen lagen und schliefen. Wie konnte man denn hier nur am helligsten Tage schlafen? Wir amüsierten uns köstlich und stellten dann fest, dass wir den langen, braunhaarigen Pferdeschwanz, der da aus dem Sack herausbaumelte, kannten! Das waren Niklas und Wibi, die wir vor ein paar Tagen kennengelernt hatten!
Die Story zu dieser Obdachlosigkeit wollten wir hören und waren fast ein wenig enttäuscht, als sie erzählten, dass sie die vorherige Nacht bloß ein bisschen zu viel getrunken und ein ein bisschen zu wenig geschlafen hatten. Sie gönnten sich hier bloß eine kleine Ruhepause. Lustig sah es trotzdem aus.
Nachdem die beiden Scheinobdachlosen sich aufgerappelt hatten, um weiterzupilgern, kehrten wir auch zurück ins Haus. Die Besitzer waren gerade dabei auszugehen, somit hatten wir die ganze Bude für uns alleine. Wir zogen unsere imaginären Kochschürtzen an und  wirbelten die Kochutensilien durch die Lüfte. 

Es gab Glückskartoffeln mit jungem Frühlingsgemüse und mit Knoblauch eingeriebenes, in Sonnenblumenkernöl geröstetes Dreitagesbaguette mit einem Hauch von Eric Claptons Gitarrenklängen. Ein bisschen improvisiert aber seeehr gut!
Als Dessert gab es einen Verdauungsspaziergang in der untergehenden Sonne und ein Hörbuch, dass uns in einen sehr entspannten, langen Schlaf wiegte.

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