Samstag, 18. Juli 2015

Tag 1 - Die Spreu trennt sich vom Weizen

Mein lieber Herr Gesangsverein, was ein Tag! Nachdem wir also kein Frühstück hatten, besorgten wir uns ein Pilger-Lunchpaket für schlappe 7 Euro. Darin enthalten war ein gammeliges Sandwich, ein gekochtes Ei, ein Dessert aus der Trinktüte und eine kleine Flasche Wasser. Wir zwängten uns etwas davon rein und liefen los. Um die Uhrzeit ging es rund in dem kleinen Städtchen, denn jetzt starteten alle Pilger, um möglichst vor der Mittagshitze am Tagesziel anzukommen. Wir für unseren Teil schauten uns die Strecke gar nicht groß an, sondern maschierten einfach drauf los. Vielleicht war das auch gerade gut so. Denn schon nach kurzer Zeit begann der Weg anzuziehen ohne Ende. Mit gefühlter 45-Grad-Steigung schafften wir es klatschnass geschwitzt bis zum ersten Zwischenstopp nach Honto. Hier konnte ich auch endlich mal Urin lassen, denn bei der alten Hexe hatte ich dazu leider keine Zeit mehr gefunden, wobei die Toilette dort ohnehin verstopft war. Außerdem genehmigten wir uns hier ein erträgliches kleines Frühstück. 

Plötzlich rief irgendjemand unsere Namen. Melanie, die wir gestern getroffen hatten. Sie war gerade in Aufbruchstimmung. Wir würden uns später sowieso wiedertreffen, das ist hier ganz normal. Eine kleine Verschnaufpause und Baguettescheiben später sattelten auch wir wieder die Pferde und zogen weiter. Der Weg wurde allerdings immer heftiger! 
Melanie, die wir nach einer halben Stunde tatsächlich wiedertrafen, kämpfte sich, immer noch in ihren Crocs, Stück für Stück nach oben, wir trennten uns allerdings nach ein paar Kilometern wieder. Der Weg ansich war sehr schön, total grün, viele Felsen, dazwischen grasende Kühe und Pferde. 


       und plötzlich muss man sich das 
                      Wasser teilen

        Die Hütte, falls alles schief geht
       mit Notfalltelefon und Feuerstelle
Am ersten Höhepunkt hatte Danilo eine unangenehme Begegnung mit einer sehr würenden Schlange - nichts passiert.
Jedes Mal, wenn wir dachten den höchsten Punkt endlich erreicht zu haben, ragte eine neue Bergspitze empor. Ein kurzer Pfad bergab und schon folgte ein endloser Aufstieg. Das geschah unzählige Male, währenddessen auch die Sonne langsam Richtung Zenit wanderte. Gott sei Dank bließ uns der Wind ein wenig um die Ohren, entwickelte sich jedoch nach und nach zu Orkanböhen und wir mussten aufpassen, dass wir nicht vom Weg gepustet werden. Irgendwo auf der Hälfte des Weges stand ein alter Bauer mit seinem Wagen und verkaufte einige Snacks, wofür wir sehr dankbar waren. Ein ordentliches Stück Ziegenkäse, Brot und ein kaltes Getränk brachte uns den Lebensgeist zurück. Der Bauer steht hier jeden Tag bis 14:00 Uhr und rettet die Pilger in Not. 
Ansonsten gab es gelegentlich immer wieder Wasserstellen, an denen man sich erfrischen und abkühlen konnte. Über den Tag verteilt trafen wir viele neue nette und interessante Menschen aus aller Welt: Kalifornien, Australien und natürlich aus unseren Nachbarländern. Darunter ein 73-jähriger Franzose, der den Camino gerade mit seinen 3 Kindern und seiner Frau läuft, eigentlich aber in Westaustralien lebt. Dem machten heiße Temperaturen nun wirklich nichts aus. Was ein verrückter Kerl! Ich kann mir nicht vorstellen, mich in dem Alter mit meinen alten schäbigen Knochen einen solchen Aufmarsch hochzuschleppen!
Nach 7 Stunden Bergsteigen hatten wir endlich den Gipfel der Route mit über 1.400 Höhenmetern erreicht. 
Ab dort ging es mit eben der selben Steigung bergab. Stundenlang. Freunde, da merkt man, dass man Kniescheiben hat! Heilfroh, endorphingetankt und fix und foxi erreichten wir das Kloster in Roncesvalles. Nach dem Marsch zeigt sich, wer hier will und wer nicht.

Um ein paar Euros zu sparen, beschlossen wir unser neues Zelt einem bequemen Stockbett im 50-Mann-Bett-Zimmer für 12 Euro pro Nase vorzuziehen. 
Sobald das Zelt stand, wir unsere Wäsche und uns selbst gewaschen hatten, waren wir äußerst ausgehungert und suchten das nahegelegene Restaurant auf, das natürlich geschlossen hatte. Wir fanden heraus, dass man sich am Eingang des Klosters ein Ticket für ein Pilgermenü kaufen musste. Da wir 2 Spezies nun aber relativ spät dran waren, hatten wir 2 Stunden Wartezeit, denn hier gab es einen timetable wann wer wo und wie essenfassen durfte. Im Kloster selbst gab es, nicht wie erhofft, eine warme Brühe und Wasser für alle, sondern eine Automatenwand mit Fertigfras. Bis wir mit dem Essen dran waren, mussten wir uns also so versorgen, wir kauften uns einen Kaffee und einen Kakao, um irgendwie die Zeit bis 20:30 Uhr zu überbrücken. Draußen zog es immer mehr zu, bald war es so nebelig, dass man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen konnte. Zum Glück konnten wir uns im Kloster zurückziehen, bis wir endlich unsere randalierenden Mägen füllen konnten. Schon erwartete uns die nächste Überraschung. Das Essen war wirklich alles andere als nahrhaft. Zur Vorspeise gab es Suppe oder Pasta. Da die Bedienung die Suppe schon in der Hand hielt, als sie uns nach unserer Wahl fragte, nahmen wir eben auch diese. Ein Fehlschuss. Die Suppe war kalt, das Beilagebrot so hart, dass man locker jemanden damit hätte erschlagen können, was in unserem Fall wirklich verlockend gewesen wäre, zum Hauptgang entschieden wir uns für Fußsohlen-Steak von der Pute und dazu Pommes aus im Fett geträufeltem Karton. Die Nachspeise riss das ganze heraus - ein Yoghurt naturales aus dem Supermarkt für 79 Cent. Als Entschädigung erlaubte Danilo sich zumindest die beiden "Silberlöffel" mitgehen zu lassen.

Glücklich und zufrieden kehrten wir zum Zelt zurück und benerkten, dass es draußen so nass und kalt geworden war, dass wir die Idee draußen zu schlafen über den Haufen warfen und um viertelvor 10, sprich 15 Minuten bevor hier die Lichter ausgingen, bettelten, um doch noch ein Bett zu erwerben. Wir hatten Glück und so liegen wir jetzt in einem wenigstens warmen Zimmer mit 50 anderen Hanseln und können etwas Kraft für morgen tanken.

Im Allgemeinen sind wir bisher leider ziemlich enttäuscht. Der Weg, die Natur, all die internationalen Bekanntschaften waren jeden Schweißtropfen wert. Aber die ausschlaggebenden Beweggründe, die uns zum Pilgern gebracht haben, wurden bislang gnadenlos ausgenutzt. Statt Gastfreundschaft, Kultur, spirituelle und menschliche Werte ging es bislang nur um Profitherausschlagerei. Kurz gesagt: Wir wurden nur abgezockt. Aber wir haben die feste Hoffnung, dass das alles nur an unserem Schlechten Karma liegt, dass wir hier ja reseten wollen :) und dass es ab morgen schon besser wird und wir doch noch das erleben dürfen, was wir uns von der Reise auf dem Jakobsweg versprochen haben. 
So, gute Nacht jetzt!

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