Bevor die Pilgerreise losgehen konnte, mussten wir noch einen Pilgerausweis besorgen und unsere Granny in gute Hände geben. Also suchten wir das Pilgerbüro auf, das natürlich gerade jetzt in der Mittagshitze nicht besetzt war. Also setzten wir uns gegenüber des Eingangs auf eine Steintreppe und warteten. 10 Minuten nach 14 Uhr öffnete sich die Pforte und ein lustiges, altes Grinsegesicht, umrandet mit grauen zerzausten Haaren und Nickelbrille schaute durch die kleine, steile Pflastergasse, in der mittlerweile einige Pilger mit ihren prallgefüllten Rucksäcken standen und darauf warteten hineingelassen zu werden. Brav stellten wir uns hinten an und saßen kurz später in dem kleinen, klimatisierten Büro, in dem sich 4 ehrenamtliche Pilger im gehobenen Alter um uns kümmerten. Jan, ein Holländer, der den Camino selbst schon 4 Mal komplett gelaufen ist, stellte uns unseren Pilgerausweis aus, versorgte uns mit Karten und Infomaterial, organisierte uns einen Stellplatz für die Granny und gab uns einen Unterkunftstipp für die Nacht, sowie unseren sllerersten Stempel.
Die Granny durften wir für 1,50€ pro Tag bei Guillaume vorm Haus, dass sich etwas außerhalb auf einem Berg befand, abstellen. Leider war er gerade nicht zu Hause und die Verständigung mit seiner Frau verlief schleppend. Zum Schluss aber stand unser Gefährt feinsäuberlich eingereiht neben den anderen Pilgerautos.
Wir schnappten unsere Backpacks und liefen zurück in die Stadt, um unsere Unterkunft zu beziehen. Diese befand sich genau neben dem Pilgerbüro. Dort lebt eine alte Dame, die mehrere Zimmer an Pilger vermietet. Wir hatten ja mal wieder keine Ahnung, worauf wir uns eingelassen hatten. Zunächst zeigte sie uns alles und erklärte uns die Regeln - auf französisch versteht sich. Wir nickten aufmerksam, obgleich wir kaum ein Wort verstanden. Schuhe, Zelt, Isomatten mussten draußen bleiben, da diese ja eventuell stinken oder schmutzig sein könnten. In der Toilette, die auf den Balkon gebaut und nur mit einer roten Holzwand verkleidet war, hing ein Licht verbunden mit einer Zeitschaltuhr. Wer hier länger als 1 Minute verblieb, würde sein Geschäft im Dunkeln fortsetzen müssen. In unserem Zimmer, das direkt unter dem Dach liegt, gab es ein Bett und einen Lichtschalter. Eine einzige Steckdose fanden wir im Flur. Duschen war nur abends erlaubt. Frühstück sollte es um 06:00 geben.
Wir genehmigten uns eine Nachmittagsdusche, die sich ebenfalls hinter einer roten Holzwand verkleidet auf dem Balkon befand. Warmes Wasser? Fehlanzeige. Aber bei den Temperaturen, 33 Grad aufwärts, nicht unser größtes Problem. Das stand nämlich keine 2 Sekunden später auf dem Balkon und schimpfte was das Zeug hielt auf uns ein, weil Danilo beim Aussteigen aus der Dusche ein paar Wasserspritzer auf dem Außenboden verteilt hatte. Und das ging ja gar nicht! Zur Strafe musste er gleich den gesamten Balkon putzen. Danach warf sie einen Blick in unser Zimmer. Da wir uns zuvor kurz auf das Bett gesetzt hatten, um eben mal durchzuschnaufen, war dort eine Sitzfalte auf der Decke. Auch das passte der Dame absolut nicht und das Geschnatter ging weiter. Die 2 Italiener, die sich eben noch das Nebenzimmer angeschaut hatten, in dem sie eigentlich nächtigen wollten, änderten ihre Meinung rapide und suchten sich ein Hotel. Bevor sie aus der Tür gingen, warfen sie uns noch einen mitleidigen Blick zu. Nach diesem Theater beschlossen wir frische Luft zu schnappen und gingen eine Runde durch das Städtchen. Es ist wirklich wunderschön hier! Klein, mit dem langen, steilen Pflasterweg in der Mitte, umrandet von Restaurants, Hostels, kleinen Souvenirshops und putzigen Wohnhäuschen mit bunten Türen und Fensterläden.
Dort trafen wir Melanie, eine Deutsche, die auch gerade startete und mit ihren 16 kg Gepäck inklusive Wasserkocher, Kaffeemaschine und ihren Crocs heute noch eine Bergetappe von über 8 km vor sich hatte. Ricarda, ebenfalls Deutsche, sprach uns an, als Danilo gerade seine ostdeutschen 5-Minuten hatte und jeden Pilger auf sächsisch versuchte zu begrüßen. So kommt man dann eben ins Gespräch, so einer fällt halt auf. Als wir von unserer Rundschau zurückkamen, hatte sich der Drachen beruhigt und war schier handzahm geworden. Ich glaube die alte Damen ist ein wenig manisch-aggressiv veranlagt. Über den Abend hinweg war sie mal mehr und mal weniger unfreundlich, also waren wir froh, dass wir uns bald in unser Zimmerchen verziehen konnten. Der nächste Morgen versprach keineswegs besser zu werden. Wir standen um 05:40 Uhr auf, packten mucksmäuschenstill alles zusammen und standen um 06:05 Uhr vor der Küche, um unser versprochenes Frühstück einzunehmen. Madame war schon wach, aber äußerst schlecht gelaunt. Frühstück würde es erst um 06:30 Uhr geben, was würde uns einfallen so früh aufzustehen und Krach zu machen! Die 2 Spanierinnen, die auch irgendwo in dem Haus übernachtet hatten, wurden 5 Minuten später genauso begrüßt. Aber die Beiden fakelten nicht lange, warfen der Ollen ein Au revoir zu und verschwanden. Wir taten es ihnen gleich, denn wer muss sich denn schon morgens so fies ausschimpfen und runtermachen lassen? Zudem war uns der Hunger wirklich vergangen. Nichts wie weg hier! Den gesammelten Frust würden wir bei unserer ersten Etappe rauslassen können!






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