Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde hatte sich das Unwetter beruhigt und wir konnten noch ein paar Mimuten dösen. Dann klingelte der Wecker. SchlagsKO versuchte ich wachzuwerden. In dieser Zeit hatte Danilo schon einen heißen Kakao, Kaffe und Baguette mit Nutella besorgt. Das machte den Morgen gleich viel besser. Als wir alles gepackt hatten und gerade loslaufen wollten, wagten wir einen Blick nach draußen. Was wir sahen, gefiel uns gar nicht!
Aaaalles klar, es war wohl doch besser noch eine Weile zu warten. Regen, Donner, Hagel, Blitz. Freunde, hier ging was ab! Aber sobald die dunklen Wolken zum größten Teil vorübergezogen waren, wagten wir uns nach draußen, zurück auf den Camino.
Schon nach kurzer Zeit konnte man kaum noch entscheiden, ob man vom Regen durchnässt oder schweißgebadet war, da es unter der Regenjacke unwarscheinlich heiß wurde!
Wir hatten noch keine ganze Stunde mit Wandern verbracht, da kam schon das erste Café. Die zuckersüßen Kitten, die davor herumtollten, luden nur so dazu ein mal einen Blick in die Ladentheke zu werfen und rucki zucki hatten wir ein deftiges Frühstück vor der Nase. War zwar so nicht geplant, aber die Katzen sind schuld! Das nennt man dann wohl effektives Marketing.
Auf diese Weise hatten wir dann aber auch genug Reserven, um die ersten Berge zu erklimmen. Wie immer ging es schlagartig bergauf, danach bergab, nur damit es anschließend bloß wieder bergauf gehen konnte.
Es dauerte ewig, bis wir Pamplona erreicht hatten. Viel schwieriger war es aber noch diese riesige Stadt wieder zu verlassen, da sie einfach so unheimlich groß war, wenigstens für uns. Aber auch mindestens genau so schön, zumindest in der Altstadt. Für uns war es ein richtiger Kulturschock, so viele Menschen auf einem Haufen waren wir gar nicht mehr gewohnt. Komischerweise waren wir ganz froh, als wir wieder draußen auf dem Feldweg waren. Nur noch ein Hügel und wir würden das Tagesziel erreicht haben. Flipflop-Zeit. Und Danilo wollte unbedingt das Blasenpflaster von seiner Ferse abziehen. Doofe Idee, wie sich herausstellte. Leider wollte das nämlich nicht so ganz klappen, da sich die neu gebildete Haut über der Wunde mit dem Pflaster vereint hatte und alles zu einem ekligen Knetbrei zusammengeschmolzen war. Kurzab: Aus Danilos Fuß wuchs ein Blasenpflaster. Sowas kommt immer gut, wenn die Übelkeit vor Hunger bereits eingesetzt hat.
Oben angelangt stürmten wir das erste Restaurant, das uns in die Augen fiel, auch wenn uns der Eindruck zunächst gar nicht zusagte. Die Kellnerin wollte uns gleich das 3-gängige Pilgermenü andrehen, als wir aber freundlich nach der Karte fragten, wurde sie stinkig. Da war der Drops für uns schon gelutscht, die hatten keinen Bock auf uns, ebensowenig wie wir nun auch auf sie. Also zogen wir wieder ab. Traurigerweise erlebt man solche Situationen immer häufiger, da die Pilgerrate über die letzten Jahre drastisch angestiegen ist. Wir haben für uns beschlossen nur noch da zu essen oder zu nächtigen, wo man uns wirklich gerne empfängt. Und damit klappt es jetzt recht gut. Seither ist uns sowas nicht mehr passiert.
Na jedenfalls liefen wir wie die Spürhunde durch das kleine Örtchen, um endlich was zum Beißen zu finden. In der hintersten Ecke fanden wir, was wir suchten. Ein Restaurant, in dem wir uns für unglaublich wenig Geld satt und glücklich schlemmen konnten. Der Ausstoß von Glücksgefühlen war vulkanartig und so heftig, dass wir uns, beflügelt, wie wir in dem Moment waren, aufmachten, um noch ein paar Kilometer dran zu hängen. Schwupsdiwups waren wir aus dem Dorf und den Hügel hinab gesprintet und bemerkten dann, wie doof wir waren. Zwar waren die nächsten Häuser schon in der weiten Ferne zu erspähen, was aber plötzlich viel näher kam, waren Gewitterwolken. Nicht im Ernst - das dritte Mal für heute...Was will man tun? Beine in die Hand und los!
Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ich lieber tot umgefallen wäre, als bei 36 Grad eine solche Strecke zu rennen. Als die Wolken sich schon längst über uns ausgebreitet hatten, erreichten wir beinahe das Dorf. Allerdings, wie immer, mussten wir noch einmal locker 500 Meter nach oben, da stand eine Kirche, die darauf wartete uns Unterschlupf zu bieten. Schon mal mit wunden Füßen, Backsteinen auf dem Rücken und ausgetrockneter Kehle einen Schotterweg hochgerannt? Scheiß Idee.
Mehr tot als lebendig kamen wir in Zariquiegui an und ließen uns auf die bedachten Steinbänke an der Kirchenmauer nieder und hatten gut damit zu tun unsere Atemnot zu stillen. Glücklicherweise hatten wir noch eine Flasche Wasser dabei, die uns half unsere Körper herunterzukühlen. Ohne Gesichtsausdruck und mit offenem, japsendem Mund saß ich da, wie ein Häufchen Elend. Plötzlich hatte Danilo einen älteren Mann angesprochen, der gerade mit seiner Tochter unterwegs war, und anbot uns in seinem Auto ein Stück mitzunehmen. Klang doch erstmal sehr gut! Denn im Gewitter umher zu irren, darauf hatten wir wirklich keine Lust, zumal der Weg nur durch flache Felder verlief, bergauf, bergab, ohne einen einzigen Unterstand.
Doch irgendwas lief jetzt schief. Der nette Mann fuhr uns nur den Berg, den wir gerade eben panisch hochgeschossen waren, herunter, und dachte uns somit einen Gefallen getan zu haben. Wir hatten verstanden, dass er sowieso auf dem Weg nach Cizur Minor, dem Endpunkt des Tages, gewesen wäre und uns dorthin mitnehmen wollte. Klassisches Missverständnis. Dann hätten wir doch lieber an der Kirche warten sollen, bis das Wettertief vorübergezogen wäre...Aber nett, wie er war, fuhr er uns dann trotzdem an unser gerade mal 3 km entferntes Wunschziel. Unterdessen plumsten die ersten fetten Tropfen vom Himmel und als wir am Ortseingang ankamen und aus dem Auto sprangen, goss es wie aus Eimern. Ziellos rannten wir drauf los, um die nächste Herberge und ein trockenes Schlafplätzchen zu finden und scheinbar war das Glück auf unserer Seite - wir fanden direkt ein Hostel. Hier trafen wir tatsächlich schon wieder das deutsche Double, die gerade mit der Abendessenzubereitung beschäftigt waren, als wir pitschpatsch nass wie zwei begossene Pudel in den Eingang hereingefallen kamen.
Auch trafen wir ein älteres Ehepärchen aus Bayern, die wir auf unserer Reise schon des öfteren getroffen hatten. Bei näherer Unterhaltung erfuhren wir, dass auch diese Beiden seit April unterwegs waren und durch Europa zogen. Ohne in ein Fettnäpfchen treten zu wollen, schätze ich die Beiden mal locker auf Mitte 70. Knallhart unterwegs!
Aber jetzt mussten wir zu allererst unser Abendprogramm ablaufen lassen, bevor wir mit unseren mit Sicherheit nicht angenehmen Körperdüften den anderen das Dinner versauen würden: Duschen, Waschen, runterkommen. Nachdem das erledigt war, gesellten wir uns zurück in den großen Raum, der zugleich Rezeption, Küche, Esszimmer und Aufenthaltsraum war. Auf einmal kam ein Antonio Banderas mit seiner Gitarre auf der Schulter durch die Tür und breitete sich neben dem Kochfeld aus, an dem Danilo gerade versuchte aus Nudeln, Öl, Salz, Balsamico und grünen Oliven ein Abendessen zu zaubern. Noch bevor das Essen fertig war, legte Antonio los und ließ die Saiten seiner Gitarre beben. Dazu gab es traditionellen, spanischen Gesang, allererste Sahne sage ich euch! Ein Lied widmete er dem kochenden Danilo, der ihm als Dank noch während dem Lied versuchte eine Nudel in den Mund zu schieben, ein göttliches Bild!
Der Abend konnte so gemütlich ausklingen und wir legten uns bald in unserem 10-Bett-Zimmer zur Ruh. Zumindest wollten wir das, doch die Anzahl an alten Männern in dem kleinen Raum war bedenklich, hier segte jeder wie er wollte. Besonders witzig war der eine im letzten Stockbett ganz hinten an der Wand, der beim Einatmen Stimmen machte wie ein altes Propellerflugzeug, dem das Benzin ausgegangen war. Zum Abschluss jedes Atemzugs presste er die eingeatmete Luft mit 12000 bar aus seiner Lunge, begleitet von einem ÖÖÖÖÖÖÄÄÄAAAHHHRRRR!!!!
Naja, jedes Mal, wenn das Propellerflugzeug wieder starten wollte, konnten wir wenigstens sicher sein, dass der Mann noch lebte.
Wir stopften uns Ohropax in die Lauscher und gaben alles um einzuschlafen.












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