Montag, 27. Juli 2015

Tag 11 - Fühlt sich an wie Urlaub

Die Morgensonne färbte den Horizont in strahlende, orientalische Farbschleier.
Heute früh war es wieder sehr kühl, nebelig, nass. Also schlüpften wir gleich wieder in unsere wärmenden Klamotten.
Auch heute gab es auf dem track nach Villafranca Montes de Oca nichts erwähnenswertes zu sehen. Hier ein Dorf, da eine Staatsstraße, Feld um Feld. Nicht einmal gravierende Auf- oder Abstiege gab es. Es ging 20km meist an der vielbefahrenen Straße entlang. Viele andere Zpilger trafen wir komischerweise auch nicht. Umso mehr freuten wir uns, als wir in Villafranca ankamen. Hier steppte zwar auch nicht der Bär, aber es gab Menschen und einen kleinen Supermarkt. 
Auf dem Weg nach Villafranca hielt ein Jeep neben uns und überreichte uns einen Flyer eines Hotels. Eben dieses war unser erstes Anlaufziel. Wir liefen auf ein riesiges Gebäude zu, es sah mehr aus wie ein Anwesen. Wir getrauten uns kaum den Eingang zu passieren. Wir fanden heraus, dass in diesem Mauernklotz ein Hotel für gehobenere Herrschaften, eine Herberge für Wanderverrückte und 2 Restaurants, jeweils eines für beide Klassen, sowie einen hübschen, gepflegten Außenbereich gab. Für einen schlappen 5er waren wir aufgenommen und durften uns eigentlich überall aufhalten, wo sich auch die Kostümierten aufhielten. Aber jetzt war erst einmal lunch time. Im Pilger- und Normalo-Restaurant bestellten wir wie die Könige und zahlten wie die Armen, total verrückt; es schien, als meinte es jemand gut mit uns. 
Auch die Zimmer waren top gepflegt, ebenso die Bäder und es gab sogar eine kleine Küche, allerdings stand uns zur Essenszubereitung nur eine klassische Mikrowelle zur Verfügung. Damit Nudeln zu kochen war uns dann doch zu abenteuerlich. Stattdessen suchten wir den kleinen Markt auf und hielten Ausschau nach zu verstrahlendem Fertigessen. Natürlich wurden wir fündig.
So eklig es auch aussah, es war nicht schlechter als manches Pilgermenü.
Wohlgenährt wollten wir im Herbergsgarten die dicken Bäuche in die Sonne strecken und relaxen. Dabei leistete diese süße Madame und ihre Geschwister Gesellschaft. 

Wir fütterten die Kitten mit altem Baguette, worüber die Vierbeiner nur so herfielen. Scheinbar fällt hier nicht oft was vom Goldtellerrand.
Gegen Abend liefen wir noch routineartig ein paar Schritte durch die Straßen, schauten uns hier und da um. Dabei schauten wir einer Scharr alter Damen bei einem seltsamen Spiel zu, das wir beide nicht so recht verstanden - egal, für die Ladies machte es schließlich Sinn.
Beim Bettfertigmachen wurden wir von einer jungen Dame angesprochen: "Ihr seid doch auch Deutsche!" Verdammt, woher weiß sie das nur. Sie erzählte uns, dass wir uns bereits vor ein paar Tagen entlarvt hatten, als wir in einem Restaurant, in dem das Essen wirklich nicht schmeckte, an ihrem Tisch vorbeigelaufen waren und wohl neidisch bemerkten:"So ein Mist, hätten wir mal früher gewusst, dass es hier Ketchup gibt. Das hätte vielleicht etwas gerettet." 
Wir erzählten ein bisschen und es stellte sich heraus, dass sie auch solch eine seltsame allergische Reaktion hatte. Da konnte ich ihr ja weiterhelfen, hatte ich doch diese ganzu Tube Salbe im Rucksack, die ich niemals alleine aufbrauchen könnte. So ist das - Mal braucht man selbst Hilfe und mal ein anderer, man hilft sich gegenseitig immer aus.

Impressionen des Tages:
                      Belorado...

        ...schön und hässlich zugleich


die spanische Bauweise lässt gelegentlich zu wünschen übrig...
                     Villafranca


Tag 10 - verstoßene Kartoffeln, bekannte Obdachlose und ein altes Bauernhaus

Draußen war es noch grau und sehr kühl, als uns der Wecker sanft aus dem Traumland holte. Die dicke, graue Wolkenschicht am Himmel versprach in den nächsten Stunden auch keinen positive Wetterumschwung. Bedeutete für uns, dass wir nun zum ersten Mal die dicken Klamotten auspacken mussten. 
Um uns noch etwas Gutes zu tun, bevor wir losmaschierten, fragten wir die nette Hausherrin nach einem spontanen Frühstück. Es schien, als habe sie nur darauf gewartet und schon war sie in ihrem Element. 
Aufgetischt wurde Saft, heißer Kakao, Toast, ganze 4 verschiedene Sorten selbstgemachte Marmelade und nicht zu vergessen den äußerst koffeinhaltigen Kaffee, der Danilo plötzlich in ein tollwütiges Eichhörnchen verwandelte.
Mit der eingesammelten Energie wagten wir uns zurück auf die Piste. Draußen war es sehr kalt und der weiche, nasse Morgennebel küsste langsam die frierenden Felder und Büsche wach. 
Kurz vor Saint Domingo de la Calzada passierten wir ein Firmengelände. Auf der einen Seite Fabrikgebäude, auf der anderen ein kahler Acker, auf dem große, braune Erdeberge in den Himmel ragten. Massig Grund, Pflanzenreste, Geröll, Kartoffeln und...moment mal! Kartoffeln? Ja tatsächlich! Inmitten dieser "Abfälle" lagen da plötzlich ein paar arme, aus optischen Gründen verstoßene Kartoffeln herum, die hier keiner mehr haben wollte. Da aie für das Unternehmen scheinbar nur Ausschuss waren, hüpften wir wie die Feldhasen über den kleinen Graben und sammelten die Leckerbissen ein. Bratkartoffeln, Kartoffelecken oder Spalten, Kartoffelbrei, Grataîn, Pommes,...was würden wir daraus alles zaubern können! Wir freuten uns jetzt schon einen Ast über unser wartendes Festmahl! 
Ansonsten war die heutige Strecke vorallem landschaftlich recht uninteressant, wir schlängelten uns von einem Dorf ins nächste, von Berg zu Tal und Tal zu Berg, Getreidefeld an Getreidefeld, bis wir nach erträglichen 21km Viloria de Rioja erklimmt hatten. 
Am Ortseingang liefen wir an einer Herberge vorbei, aus der umwerfend duftende Essensgerüche heraustraten. Keine 5 Minuten später hatten wir uns hier eingebucht.
Die Herberge war eine alte Bauernscheune, moderinisiert auf 2 Etagen, finanziert durch einen Festpreis für die Betten, alles weitere auf Spendenbasis. Unten war die Küche, unverputzte Wände, Steinboden, wie man ihn aus einem Saustall kennt, eine sehr einfach aufgebaute Küchenzeile, überall hingen getrocknete Tomaten, Knoblauch und Kräuter von der Decke. Die obere Etage war zum einen Teil privat, der andere Teil war Schlaffläche für Pilger. Ein großer Raum, 2 kleine Nieschen, 10 Stockbetten, 2 Bäder, alles für uns, denn heute würde keiner mehr einchecken. 
nicht sonderlich hübsch, aber zweckmäßig

Um uns die Zeit ein wenig zu vertreiben, trotteten wir ein Mal durch das 100-Seelen-Dorf. Hier gab es wirklich nicht viel zu sehen. Lediglich ein paar Bauern- und Wohnhäuser, eine Kirche und ein Rathaus, vor dem auf 2 Bänken 2 in Schlafsäcken mumifizierte Menschen lagen und schliefen. Wie konnte man denn hier nur am helligsten Tage schlafen? Wir amüsierten uns köstlich und stellten dann fest, dass wir den langen, braunhaarigen Pferdeschwanz, der da aus dem Sack herausbaumelte, kannten! Das waren Niklas und Wibi, die wir vor ein paar Tagen kennengelernt hatten!
Die Story zu dieser Obdachlosigkeit wollten wir hören und waren fast ein wenig enttäuscht, als sie erzählten, dass sie die vorherige Nacht bloß ein bisschen zu viel getrunken und ein ein bisschen zu wenig geschlafen hatten. Sie gönnten sich hier bloß eine kleine Ruhepause. Lustig sah es trotzdem aus.
Nachdem die beiden Scheinobdachlosen sich aufgerappelt hatten, um weiterzupilgern, kehrten wir auch zurück ins Haus. Die Besitzer waren gerade dabei auszugehen, somit hatten wir die ganze Bude für uns alleine. Wir zogen unsere imaginären Kochschürtzen an und  wirbelten die Kochutensilien durch die Lüfte. 

Es gab Glückskartoffeln mit jungem Frühlingsgemüse und mit Knoblauch eingeriebenes, in Sonnenblumenkernöl geröstetes Dreitagesbaguette mit einem Hauch von Eric Claptons Gitarrenklängen. Ein bisschen improvisiert aber seeehr gut!
Als Dessert gab es einen Verdauungsspaziergang in der untergehenden Sonne und ein Hörbuch, dass uns in einen sehr entspannten, langen Schlaf wiegte.

Freitag, 24. Juli 2015

Tag 9 - Ein ganz normaler Tag

Eine ruhige, entspannte Nacht lag hinter uns. Wenn man die beiden hektischen Asiaten mal außer Acht lässt, die ständig in irgendwelchen Plastiktüten herumgruschelten und mit ihren Handyleuchten den ganzen Raum ausstrahlten, natürlich auch immer schön in die Gesichter der Schlafenden. 
Trotzdem, sachte wie immer, starteten wir in den Tag, machten uns ein Gourmetfrühstück und stifelten ganz gemach los. Die erste Hälfte der Tagesstrecke huschten wir nur so herunter, ebenso schnell durchquerten wir die erste Stadt, Najera, die ohnehin nicht wirklich was zu bieten hatte, außer hässliche Plattenbauten, zerfallene Häuser und seltsame Menschen. Bloß in der Altstadt war es etwas hübscher.
Die Aufführung haben wir leider verpasst
Nach der Stadt kam wieder lange gar nichts, bis auf lange Teerbahnen, Stein- und Feldwege, die einem ausgetrockneten Flußbett gleichten, und unendlich viel Ackerfläche. Keine Bäume, kein Grün, kein Wasser, nur trockenes Getreide ringsherum, soweit das Auge reichte. Die Sonne heitzte die Welt um uns herum immer weiter auf und wir hingen wie die Hamster an unseren Wasserflaschen, bis diese keinen Tropfen Flüssigkeit mehr hergaben. 
Noch immer war keine Stadt, kein Dorf, kein Brunnen in Sicht. Wie ein Wink des Himmels erschien auf der flimmernden Straße eine Französin mit ihrem Esel und ihrem Hund, die uns aushelfen konnte. Die junge Frau, 26 Jahre alt, war mit ihren beiden Vierbeinern ganz alleine unterwegs, auch nicht schlecht. Und wir mussten dank dieser Engelserscheinung also doch nicht verdursten. Leider haben wir die 3 nicht fotografiert...
Dann, endlich, hinter einer Kuppe erschienen die ersten Dächerspitzen von Cirueña. Wenn wir jetzt noch eine halbwegs annehmliche Herberge finden würden, wären wir gerettet. Leider machte uns das Plakat, das uns zur einzig aufgelisteten Unterkunft in dieser Ortschaft führte, wenig Hoffnung. Beim Betreten des schlumpfblauen Hauses roch es schon etwas moderig. Der Hausvater, der uns wenig später gegenüber stand, machte auch keinen besseren Eindruck. Er sah so aus, als hätten wir ihn gerade dabei unterbrochen Frankensteins Monster zum Leben zu erwecken. 
Na, da wollten wir doch wirklich nicht weiter stören; wir hörten auf unser beider alarmierendes Gefühl und ließen den Halbglatzigen weiterwerkeln.
Die beste Entscheidung, die wir hätten treffen können, den tatsächlich fanden wir noch eine andere Herberge, recht neu, modern, sauber, mit Balkon und abgetrennten Schlafbereich von den anderen Schnarchnasen. Nach einem kleinen Mittagsschläfchen gab es auch schon Abendessen mit all den anderen Gästen. Mit Gästen meine ich zwei ältere Schwedinnen, die ursprünglich aus Polen stammten, einen Dänen, einen Tschechen, ein junges Mädel aus Litauen, die spanischen Gastgeberinnen und natürlich uns zwei deutschen Kartoffeln. Das Essen war der Oberknüller; zwar nicht unbedingt sehr ausgefallen, aber in der Menge so viel wir wollten. Eigentlich waren wir nach der Vorspeise, Spaghetti mit 3 verschiedenen Tomatensoßen, schon kurz vorm Platzen, aber wir wollten ja nicht unhöflich sein. Die netten Spanier bestanden darauf uns satt zu essen und keinen Gang auszulassen. Zum Schluss konnte noch zwischen Joghurt, Obst und Eis gewählt werden. Dazu gab es eine Extraportion anregender Gespräche aus aller Welt, jeder erzählte von seinen persöhnlichen Erlebnissen auf dem Camino und wir hatten eine Menge Spaß zusammen, auch wenn die Altersspanne bestimmt einen Altersunterschied von minimum 40 Jahren betrug. Hier ging es nicht darum, wer oder was man war, sondern nur um das, was man gerade machte, und das war ja bei jeden so ziemlich das Gleiche. So sollte es immer sein. Durch und durch zufrieden, mit einen lächeln auf den Lippen ließen wir den Tag enden.

Achja, bevor ich es vergesse! Heute haben wir die 200 geknackt!

Impressionen des Tages:
        der Weg der ersten Halbzeit...

Donnerstag, 23. Juli 2015

Tag 8 - A day to recover

Den Morgen starteten wir wie gewohnt sehr gemütlich und suchten uns zusammen mit einem Deutschen, Niklas, ein Plätzchen zum Frühstücken. Das war auch relativ schnell gefunden. In einem Café wurde ein süßes Frühstück mit Heißgetränk und Fruchtsaft schon für 2,80 € angeboten, endlich mal humane Preise!
Wir unterhielten uns die ganze Strecke bis nach Navarrete so angeregt in unserem Dreiergrüppchen, dass wir die 13km kaum merkten. Dort angekommen begrüßte uns ein alter Mann mit Schnautzer und warb für ein Café ganz in der Nähe, indem er uns mit free coffee köderte. Für mich gab es eine Ausnahme, ich bekam einen sehr leckeren Kakao.
Dort im Café trafen wir auch all die anderen Deutschen, die wir bisher auf dem Camino kennengelernt hatten, wieder. Wir nutzen die Zeit um uns ein wenig auszutauschen und auch um unsere armen Füße ein wenig zu entlasten. Mein rechter Fuß schmerzte inzwischen so sehr und war angeschwollen, dass ich wirklich nur mit Mühe und Not in meinen Schuh hineinkam. Aber ich hatte Glück! Naja, zumindest vorerst. Simone, ein junges Mädel aus Trier, hatte göttlicherweise ein zweites Paar Trekkingsandalen dabei, die sie im Moment nicht brauchte, und war so nett mir diese zu borgen. Das musste ein Wink vom Himmel gewesen sein. 
War das ein sagenhaftes Gefühl meinen Elefantenfuß in einen offenen Schuh zu packen! Der arme Danilo, dem die Käsequanten bestimmt genau so weh taten wie mir, guckte in die Röhre und musste wohl oder übel wieder nur auf seine Flipflops umsteigen.

Auf dem weiteren Weg trafen wir ein paar verrückte Leute!
Da war zunächst der Graubart, bei dem Mann zwischen Haupt- und Gesichtsbehaarung kaum mehr unterscheiden konnte. Er war den Camino selbst schon einige Male gelaufen, zusammen mit seinem Pferd und seinem Hund. Hier scheint er sogar eine kleine Bekanntheit zu sein. Jedenfalls saß er in einem kleinen Kabuff und verteilte die heißbegehrten Stempel für den Pilgerausweis, sowie eine kräftige Portion Motivation für jedermann, der hier vorbeikam. Die nächste verwunderliche aber ebenso prägende Begegnung hatten wir mit einen Franzosen mit Hund und Gitarre, der den Pilgerweg bereits bis Santiago gelaufen war, aber noch eine Schippe draufpackte - er lief den gesamten Weg auch wieder zurück. Sein einziges Problem war, dass ihm mit der Zeit auch das Geld ausgegangen war. Also versuchte er mit seiner Gitarrenmusik ein paar Groschen zu verdienen, um sich und seinen Hund durchzubringen. Er überzeugte uns und natürlich unterstützten wir ihn.

Die nächste Station war Ventosa und, für uns beiden, auch gleichzeitig Endstation für heute. Wir wollten den restlichen Tag nutzen, um die geschwollenen Gelenke endlich wieder auf Normalgröße zu bringen. Dazu lud das Hostel auch wärmstens ein. Beim Eintreten in die Eingangshalle, die mit Nag Champa eingenebelt war, empfing uns eine nette Dame mit eiskaltem Minzblattwasser. In einem 8-Bett-Zimmer hatten wir noch freie Bettenwahl, sodass wir 2 Fensterplätze reservieren konnten. Endlich mal ein wenig unverbrauchten Sauerstoff in der Nacht!
Nach einem stärkenden Mittagessen, relaxten wir im märchenhaften Garten mit Springbrunnen und nahmen ein intensives Fußbad, danach legten wir einen kurzen Mittagsnap ein, hörten ein Hörbuch, standen nur kurz auf, um im hauseigenen Mini Shop ein paar Snacks und ein wenig O.P.-Werkzeug zu kaufen und um einen kleinen Abendspaziergang zu unternehmen, und sanken nach nicht mal einer Stunde wieder in unsere weichen Matratzen. Unsere Körper dankten es uns.

Impressionen des Tages:
ein waschechter Hirte! Schön, dass es sowas noch gibt! 
eine wahnsinnig pompöse Kirche in einem kleinen Dorf auf unserem Weg

               laufen, laufen, laufen...
        unsere Hostelküche, ein Traum!
         der Garten der Auferstehung

Tag 7 - Spanische Traditionen und dicke Knöchel

Der Sturm hatte sich endgültig verzogen, als wir unsere immer noch müden Knochen aus unseren Betten streckten, um das bestellte Frühstück einzunehmen. Kurze Zeit später befanden wir uns schon wieder schwerst motiviert auf dem Weg, der bereits jetzt schon alles von uns forderte. Allmählig streikten unsere Füße, die ersten Schritte am Morgen fielen richtig schwer. Irgendwas schien nicht zu stimmen, denn die anderen Pilger hatten zwar auch ihre Wehwehchen, allerdings weitaus erträglichere als wir. 
Unterwegs kamen wir mit einem ehemaligen Bundeswehrsoldaten ins Gespräch, der uns einige Tipps gab, worauf er mit aller Gewalt schwor, erstaunte uns doch sehr. "Ihr jungen Leute werdet es mir wohl kaum glauben, mich für vollkommen bescheuert erklähren. Aber, ihr müsst mir glauben, das hilft wirklich! Stellt die Schuhe vor euch und pinkelt rein! Das ist mein Ernst, eine ordentliche Ladung Urin! Und dann anziehen! Solange, bis das Urin einzieht und trocknet!" Jau, was gibt es schöneres, als sich in die 180€ Schuhe zu pullern!? Kann man ruhig mal machen.
Aber irgendwo machte es auch Sinn, der Harnstoff macht das Leder geschmeidig. Ich frage mich ja nur, wer das wann, warum und wie herausgefunden hat! :D
Bisher haben wir noch keinen geeigneten Moment gefunden, um es auszuprobieren. Würde ja auch echt seltsam aussehen, wenn sich jemand im Hostel hinstellt und freudestrahlend in seine Latschrn schifft. Urin, ein Wundersaft!
Nun denn. Wir erreichten Viana, ein sehr stolzes, traditionsbewusstes Städtchen. Scheinbar kamen wir hier genau zur richtigen Zeit an, denn hier fand gerade irgendein Festival mit rieseen Rambazamba statt. Um 14:00 Uhr sollte es einen Stierkampf geben und uns wurde strengstens geraten, solange zu warten, sowas müsse man einmal gesehen haben. Da all die anderen Pilger auch blieben, schlossen wir uns an. In der Zwischenzeit sahen wir eine Parade, es wurde Musik gespielt und alle trugen weiß und rote Kleidung mit dem Stadtwappen. 
Erwachsene und Kinder waren bester Laune und genossen den Gaudi mit gutem Essen und kühlen Getränken. 

auch wir gönnten uns ein paar Leckerlies

Um 12:00 Uhr besuchten wir einen spanischen Gottesdienst. Schon witzig, wenn man kein Wort versteht, wenn die Spanier da vorne volle Kanne loslegen. Aber es war sehr herzlich und die Leute behandelten uns, als würden wir ein Teil von ihnen sein. 

Danach ging es los: Die schmale Gasse wurde geräumt, Tische und Bänke würden hineingetragen, die Türen und Fenster wurden mit schweren Eisengittern verriegelt. 
Es kam uns vor, als würde gleich der Krieg ausbrechen!
Wir suchten Schutz hinter dem Kirchengeländer. Vor mir stand ein kleines Mädchen und wartete gespannt mit großen Augen auf die Stiere, die gleich durch die Straße galoppieren würden. Ein paar schaulustige Jugendliche standen lässig an Gittern und Toren gelehnt, als plötzlich ein lauter Knall ertönte. 
Da wir gar keine Ahnung hatten, was geschenen würde, blickten wir hektisch nach links und rechts. Auf einmal kam der erste Stier im Affenzahn angerannt, störrte sich aber keineswegs an all den Zuschauern, sondern rannte viel mehr um sein Leben. Ein zweiter Knall, 3 weitere Stiere. Die Tiere wurden einmal quer durch die Stadt gejagt, dabei mit Spritzpistolen angespritzt und mit Füßen getreten. Einige junge Männer begaben sich in "größte Gefahr", als sie immer wieder in die Bahn der Stiere rannten. Eigentlich interessierte die Tiere das ganz und gar nicht, sie versuchten nur aus der Situation herauszukommen. Meiner Meinung nach hatten sie einfach nur Angst!
Nachdem der Schwarm an Mensch und Tier 3 Mal an uns vorbeigeflitzt kam, beschlossen wir unsere Reise fortzusetzen, denn wir konnten uns für diese Tradition beim besten Willen nicht begeistern und wollten vorallem vermeiden das Ende der Show zu sehen!
Als wir der Stadt schon längst den Rücken gekehrt hatten, hörten wir es wieder knallen und ahnten schon schlimmes! Doch wir wurden später beruhigt, die Tiere wurden nicht in der Arena erlegt. Zum Glück! 
Nunja, nach einem noch mal langen Marsch konnten wir schon Logroña erblicken, wo unsere Tour für heute enden sollte. Gerade liefen wir eine Art Fahrradweg entlang und freuten uns bald die Füße hochzulegen, da kam uns jemand verdächtig bekanntes in einem grellen Shirt entgegen und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Das glauben wir ja nicht, HEY, das war doch Melly, die da winkt und uns lachend in die Arme läuft! Tatsächlich war sie es! 
Dabei war sie doch vor einigen Tagen mit dem Bus auf den Camino del norte gewechselt. Und plötzlich stand sie wieder vor uns.
Sie hatte solche Sehnsucht nach ihrer Gruppe, dass sie einfach zurückgekommen war. Wegen der schlechten Netzverbindung wusste sie aber gar nicht, wo die Truppe aktuell unterwegs war und suchte einfach auf gut Glück. So hatte sie nun auch uns gefunden, die verrückte Nudel! :)
Sie lief den Anderen weiter entgegen und wir machten uns weiter nach Logroño, um uns dort schnell ein Heim zu suchen, denn besonders der untere Teil unseres Körpers schmerze mittlerweile sehr.
Ein Hostel war gefunden, gleich danach gingen wir eine Runde durch diese schöne Stadt, schleckten ein Eis im Park in der noch sehr warmen Abendsonne und suchten den ersten richtigen Supermarkt seit Tagen auf. Es war wie im Paradies!
Das Eingekaufte verarbeiteten wir in der Hostelküche umgehend in ein speicheldrüsenexplosionswürdiges Abendessen, sodass wir anschließend wie 2 dicke Wahlrosse in unsere Stockbett. Gott, tat das gut! Wenn man jetzt noch bedenkt, dass die Herrschaften an der improvisierten Rezeption vergessen hatten, uns überhaupt einen Cent dafür zu berechnen...natürlich freuten wir uns über die eingesparrten 14 Tacken und das schlechte Gewissen blieb aus, wurden wir doch die letzten Tage selbst genug ausgenommen. Ein 5-octaviges Schnarch- und Grunzkonzert begleitete uns in das Land der Träume.

Tag 6 - Wir finden eine Oase

Um 04:30 Uhr ging es schon wieder los, Gekruschel und Gerumpel. An schlafen war jetzt kaum mehr zu denken, obwohl die Nacht ohnehin schon wieder sehr schlaflos und kurz gewesen war. Völlig übermüdet schleppten wir uns eine Etage tiefer, wo ein ausgezeichnetes Frühstück auf uns wartete. Kaffee, Saft, Kakao und Tee, 3 verschiedene Sorten Brot, Käse und Wurst, Marmelade und Kuchen - da hat man was verstanden! Das erste gescheite Frühstück, seitdem wir uns auf dem Jakobsweg befinden. Und das gab Kraft! Sogar so viel, dass wir die 13 km nach Los Acros wie auf Wolken liefen und zügig ankamen. Vielleicht lag es aber auch ein wenig an den dicken und dunklen Gewitterwolken, die hin und wieder einen hellen Blitz herausschickten, aber glücklicherweise war diese Schlechtwetterlaune noch einige hundert Kilometer entfernt. Alles andere wäre auch sau doof gewesen, da hier draußen inmitten von Feldern und Schotterwegen keinerlei Schutzmöglichkeiten gegeben waren. 
Auf unserem Weg lernten wir einen waschechten Australier kennen, mit Dreadlocks und Nasenpiercing, so wie man sie dort ständig rumlaufen sieht. Er erzählte, dass er am Tag an die 36 km läuft, das ist schon komplett irre!
In Los Acros machten wir zunächst mal ein Päuschen, legten die Füße hoch und trafen hier und da überall bekannte Gesichter. Zum Beispiel auch die eine Kalifornierin vom Vortag, die uns erzählte, dass sie den Trip eigentlich mit ihrem Freund machen wollte, jedoch trennten die Beiden sich ganze 3 Tage vor der Reise. Auch nett.
                         Los Acros
Bald erreichten wir Sansol und dort stellte ich fest, dass die kleine allergische Reaktion auf was auch immer, die sich an meinem Bein ausgebreitet hatte, doch um einiges gewachsen war und und wohl auch vorhatte mich weiter zu belästigen. Aber nicht mit mir! Der erste Besuch in der Farmacia folgte. Ich hatte noch keine 2 Worte gesprochen, da wusste die Dame schon Bescheid und drückte mir eine Tube Salbe in die Hand.
So kann man die Sprache auch lernen - einfach mal einen Beipackzettel in spanischer Sprache studieren.
Danach suchten wir ein Café auf, das im Hinterhof einer Herberge angesiedelt war. Ausschlaggebend für unseren Besuch war das Fußbadebecken, das in seiner strahlend blauen Farbe und dem saftigen Grün drum herum zum Verweilen und Relaxen einlud. Leute, es war HERRRLICH!! Wir fühlten plötzlich wieder, dass wir nicht nur verkrüppelte Stummel an unseren Beinenden trugen, sondern Füße, Fersen und Zehen, die sich sogar bewegen ließen, jeder einzelne für sich! ...Faszinierend! Von dem kühlen Nass konnten wir gar nicht genug bekommen, also blieben wir. 
    in Wirklichkeit war es dort noch viiiiel 
                        schöner! :) 

Aber nach gut einer Stunde mussten wir vernünftig sein und weiterziehen, denn die Karte erzählte, dass für heute noch 3 km angesetzt waren. Natürlich vertrauten wir ihr.
Wir liefen los und schon wieder hatte sich der Himmel verdunkelt, es krummelte und der Wind bließ uns um die Ohren. Es wäre wohl besser, wenn wir uns beeilen würden. Den Berg vor uns hechteten wir wie blöd hinunter, um vor Beginn des Unwetters im Trockenen zu sitzen. Verblüfft waren wir erstrecht, als wir, unten angekommen, vor dem Ortsschild Torres del Rio standen. Das sollten 3 Kilometer gewesen sein?! Pffff, dann hätten wir uns wohl kaum so beeilen müssen...Karma, Baby, Karma. Verdammte Karte!
Nachdem das erste Hostel auch hier wieder ausgebucht war, sicherten wir uns im zweiten und letzten Hostel gerade noch eben zwei Betten, zusammen mit unseren französischen Freunden vom Tag zuvor. 
Da wir nun echt früh dran waren, genehmigten wir uns ein Nickerchen und das war gold wert! Endlich mal ruhen, ohne Krach und Körpergeräuche! 
Jetzt mussten wir nur langsam was zum Futtern besorgen, damit wir danach gleich wieder ins Bett fallen und bis zum nächsten Morgen durchschlafen könnten. Eben dies taten wir und teilten uns dafür eine maximal 1 Sterne Pfanne Paella. Egal, es machte satt. 
Keine Minute zu früh kamen wir aus dem Restaurant, dass sich in einem Keller befand, denn es began schon wieder zu gewittern und wir hatten, wie alle anderen auch, unsere Wäsche draußen hängen! Diese lag schon mit all den anderen Sachen auf dem Boden zerstreut, wir sammelten kollektiv einfach mal alles ein, danach verzogen wir uns nach drinnen. 
Beim Zähneputzen und Bettfertigmachen, bemerkten wir, dass das Zimmer neben an, in dem sich gerade keine Menschenseele befand, komplett unter Wasser stand, weil die Spezialisten vergessen hatten die Dachfenster zu schließen, bevor sie den Raum verließen. Der Besitzer, den wir direkt alarmierten, war sichtlich aufgebracht und verärgert über die leichtsinnigen Pilger und dachte gar nicht daran den See aus dem Raum zu spülen, das mussten die Damen und Herren selbst in die Hand nehmen und so sahen wir wenig später einige Leute mit Putzeimern und Wischmopp durch das Treppenhaus rennen! :D
Nach dem Regen-Donner-Blitz-Spiel öffnete sich der Himmel, der von den letzten Sonnenstrahlen goldglänzend-orange-rot-pink-lila-blau gefärbt wurde und so hell leuchtete, dass man fast eine Sonnenbrille brauchte, um ihn zu bewundern. Dazu wehte ein lauer Wind.
Wie gerne hätte ich dieses Bild mit meiner Kamera festgehalten...

wenigstens Danilos Handykamera hat es versucht visuell zu dokumentieren:

sonstige Impressionen des Tages:
     so sah es in unserem Nachtsaal aus
            Füße hoch, Meloneneis!!!
              zauberhaftes Wetter
    hier gibt man alles für eine gescheite 
                Internetverbindung!