Samstag, 18. Juli 2015

Tag 2 - Der Schein trügt immer

Pünktlich um 06:00 Uhr heute Morgen wurden alle Lampen im gesamten Kloster eingeschaltet. Etwas unsanft wurden wir von dem grellen Licht aus dem eher durchwachsenen Schlaf gerissen. Mit 50 Mann unter einem Dach Ruhe finden ist schon abenteuerlich! Da hört und riecht man so einiges, was besser im Verborgenen geblieben wäre. Generell sind solche Körperfunktionen wie Riechen und Schmecken meist komplett unbrauchbar, ja fast schon lästig. Was gibt es hier schon angenehmes zu riechen? Und die Pilgermenues und das chlorhaltige Trinkwasser...Die stinkigen Socken vom Bettnachbar oder gar die sonstigen Gerüche, die sich aus den Rucksäcken der Pilger einen Weg in die Freiheit suchen? Nein, danke. Dass die Schuhe aller Wanderer in einem extra Raum gelagert und getrocknet werden, hat schon seine Gründe. 
Anyway, nach einem kurzen, knappen Automatenfrühstück pilgerten auch wir langsam los, nachdem alle anderen schon hektisch wuselnd aus dem Kloster gerannt waren. Wir hatten die Ruhe weg. 
Die Route für heute sah im Gegensatz zur ersten Tour ziemlich harmlos aus. Nach nur einer halben Stunde erreichten wir bereits das erste Dorf. Hätten wir das mal gestern gewusst...Hier gab es einen goldigen, kleinen Supermarkt mit durchaus humanen Preisen und einem überaus gutgelaunten Verkäufer, der zu der lautschallenden klassischen Musik sein Gesangstalent zum besten gab, währenddessen er mit seiner Fliegenklatsche durch die schmalen Regalgänge tanzte und lästige Fliegviecher vertrieb. Cooler Typ! Gewappnet mit 2 Bananen, einem Apfel, einer Salami, Gemüsebrühe und einer Tüte Nüsse verließen wir, angesteckt von seiner guten Laune, den Laden und trotteten weiter. Nach einiger Zeit gelangten wir zum nächsten Dörfchen, in dem wir ein süßes, kleines Café fanden, in dem wir den leckersten Apfel-Nuss-Kuchen verzerrten, den wir je gegessen hatten. 
Im Übrigen ist hier immer alles klein und süß
Wohlgenährt ging es weiter, die erste Bergetappe wartete schon. 
Ein bisschen durch den Wald und ein Stückchen durch die pralle Sonne, vorbei an Wiesen und Feldern, auch wieder mit Kühen und Pferden geschmückt, über Brücken und entlang kleiner Bäche pilgerten wir Kilometer für Kilometer. Unterwegs trafen wir auch diese 2 Deutschen wieder, die schon seit April unterwegs sind und bereits durch halb Deutschland, Frankreich gelaufen sind und nun auch den Camino bewandern wollen. 
       Ganz schön tough, die Beiden! :)

So einfach wie der track heute aussah, war er dann doch nicht und wie aus dem Nichts erschienen plötzlich sprungschanzenartige Aufstiege, die absolut kein Ende nehmen wollten. Wie schon am Tag zuvor freuten wir uns, wenn wir die Spitze des Berges erreicht hatten, um dann festzustellen, dass sich dahinter der nächste Sausackberg versteckt hielt. Da fängt man doch kurz an zu überlegen nicht doch mal am Stängel eines Fingerhuts zu kauen, der hier ohnehin an jeder Ecke wächst, denn der Hunger war nach den Strapazen auch schon wieder groß. Gut, dass wir Stunden später eeendlich Zubiri erreichten. Über eine kleine Brücke, die uns über einen kleinen Fluss führte, gelangten wir in das kleine Dorf. Schon wieder alles klein, klein, klein. Mit letzter Kraft schleiften wir uns in das uns empfohlene, klimatisiert Restaurant an der Hauptstraße und erlebten den Himmel auf Erden. Der nette Besitzer versorgte uns sofort mit Wasser und kalter Cola. Nach diesem Wiederbelebungsversuch ließen wir uns Fresh Fish, Paella, Roast Chicken mit Pommes und Salat schmecken und purzelten wenig später kugelrund und satt gegessen aus der Tür.

Auf dem Plan standen nur noch 5 mikrige Kilometer auf dem Plan. Ein Stündchen durchwandern, dann sollten wir es für heute geschafft haben. In dem Irrglaube wechselten wir unser Schuhwerk von Wanderschuhen in Flipflops, um unseren dicken, wunden Füßen ein wenig Frischluft zu schenken. Danilo hatte sich jetzt schon eine Blase des Todes gelaufen. Leider zog sich die Strecke so weit auseinander, dass wir locker 2 Stunden unterwegs waren. Jedes Mal, wenn ein Dorf in Sichtnähe kam, wurden wir stets enttäuscht, dies war nicht das Ende. 
Vollkommen ausgelaugt schaften wir es doch noch und standen plötzlich in Larrasoaña. Wie gewohnt gührte uns eine kleine Brücke in den Ort, wo wir sofort nach einer Schlafmöglichkeit suchten. Die erste Pension bot uns ein Doppelzimmer für knackige 55 Euro an, wir lachten nur und lehnten dankend ab. Das nächste Hostel war schon wesentlich preiswerter, aber leider ausgebucht. Letzter Versuch nun! Und diesmal hatten wir Glück! 8 Euro für ein 4-er Dorm, das wir aber für uns hatten. 
Für den Abend brauchten wir noch etwas zum Essen, also pilgerten wir zum nahegelegenen Supermarkt. Wenn man das überhaupt so nennen konnte. In einem Hinterhof betraten wir einen recht kleinen Raum, in dem man alles finden konnte, was man so zum Leben brauchte. Der Schallplattenspieler, der mittendrin stand, spielte Musik von The Doors. Als wir unsere Einkäufe auf den Tresen gelegt hatten, kam ein alter Italiener, mit noch vollen, langen Locken und begrüßte uns mit einem guten Schluck Rotwein aus einem Plastikbecher. Nach dem ersten Schluck fühlte ich sofort viel besser, das musste ein Wundermittel sein! Nach ein bisschen smalltalk mischte er uns aus Salz, Pfeffer, getrockneten Tomaten und Öl eine leckere Spezialsoße zu unseren Nudeln. Natürlich auch im Plastikbecher. Der Kerl war der Kracher! Draußen vor dem Laden waren ein paar Pavillons aufgebaucht, hier saß wohl seine Stammkundschaft. 2 Italiener, die gerade ihren Wein genossen, ein junger ruhiger Kerl und eine Frau mit blonden Locken, die von ihrem Hund erzählte, den sie so sehr vermisste. Hier war die Welt noch in Ordnung! :D 
Als Danilo fragte, ob es hier Blasenpflaster für seinen wirklich eklig gewordenen Fuß habe, holte er eine Flasche Jod und betankte die Wunde und den halben Fuß damit und erzählte ihm, er solle ein Mann sein, während er stolz seine riesige Narbe auf seiner Brust presentierte. Hier das Resultat: sieht doch eigentlich halb so wild aus
Wir tranken noch gemütlich aus und bewegten uns zurück ins Hostel, dass sich allmählig gefüllt hatte. Wer kam da, noch immer lachend und mit guter Laune, gerade am Hostel an? Die Liebe Melanie! Sie hatte es wieder einmal geschafft, trotz des schweren Gepäcks und der ewig langen Lauferei IN CROCS! Auch die beiden Deutschen und einige andere bekannte Gesichter hatten sich inzwischen hier eingefunden.
Wir nahmen eine Dusche und aßen draußen, im Regen, mit den Anderen zu abend, natürlich Nudeln mit Spezialsoße! 
     der skeptische Blick ist vollkommen 
   unbegründet, das Essen war super :)
Gegen 10 Uhr waren wir so durch, dass wir uns verabschiedeten und unser Zimmer aufsuchten. Listige und seltsame Geräusche trieben uns dazu noch einmal ins Nachbarzimmer zu schauen. Dort wohnten 4 junge Kerle. 2 von ihnen waren im Zimmer. Einer hielt ein Feuerzeug, Nadel und Faden in den Händen, der andere machte sich an seines Freundes Füßen zu schaffen, aus denen mehrere Garnfäden hingen. Was zur Hölle war denn hier los? Melanie hatte das ganze Spektakel schon eine Weile beobachtet und erklärte uns, dass die Jungs auf diese Weise ihre Blasen behandeln. Über den Faden, der mit einer Nadel einmal durch die prall gefüllte Blase durchgefädelt wird, soll die Flüssigkeit nach außen getragen werden, ohne dass Dreck oder Staub durch die Öffnung eindringen kann. Soviel zur Theorie. Hier ein Foto, wirklich so passiert:

Morgen gehts weiter nach Pamplona. Mal gespannt, was uns dort erwartet. Das Wetter soll schlechter werden...

Tag 1 - Die Spreu trennt sich vom Weizen

Mein lieber Herr Gesangsverein, was ein Tag! Nachdem wir also kein Frühstück hatten, besorgten wir uns ein Pilger-Lunchpaket für schlappe 7 Euro. Darin enthalten war ein gammeliges Sandwich, ein gekochtes Ei, ein Dessert aus der Trinktüte und eine kleine Flasche Wasser. Wir zwängten uns etwas davon rein und liefen los. Um die Uhrzeit ging es rund in dem kleinen Städtchen, denn jetzt starteten alle Pilger, um möglichst vor der Mittagshitze am Tagesziel anzukommen. Wir für unseren Teil schauten uns die Strecke gar nicht groß an, sondern maschierten einfach drauf los. Vielleicht war das auch gerade gut so. Denn schon nach kurzer Zeit begann der Weg anzuziehen ohne Ende. Mit gefühlter 45-Grad-Steigung schafften wir es klatschnass geschwitzt bis zum ersten Zwischenstopp nach Honto. Hier konnte ich auch endlich mal Urin lassen, denn bei der alten Hexe hatte ich dazu leider keine Zeit mehr gefunden, wobei die Toilette dort ohnehin verstopft war. Außerdem genehmigten wir uns hier ein erträgliches kleines Frühstück. 

Plötzlich rief irgendjemand unsere Namen. Melanie, die wir gestern getroffen hatten. Sie war gerade in Aufbruchstimmung. Wir würden uns später sowieso wiedertreffen, das ist hier ganz normal. Eine kleine Verschnaufpause und Baguettescheiben später sattelten auch wir wieder die Pferde und zogen weiter. Der Weg wurde allerdings immer heftiger! 
Melanie, die wir nach einer halben Stunde tatsächlich wiedertrafen, kämpfte sich, immer noch in ihren Crocs, Stück für Stück nach oben, wir trennten uns allerdings nach ein paar Kilometern wieder. Der Weg ansich war sehr schön, total grün, viele Felsen, dazwischen grasende Kühe und Pferde. 


       und plötzlich muss man sich das 
                      Wasser teilen

        Die Hütte, falls alles schief geht
       mit Notfalltelefon und Feuerstelle
Am ersten Höhepunkt hatte Danilo eine unangenehme Begegnung mit einer sehr würenden Schlange - nichts passiert.
Jedes Mal, wenn wir dachten den höchsten Punkt endlich erreicht zu haben, ragte eine neue Bergspitze empor. Ein kurzer Pfad bergab und schon folgte ein endloser Aufstieg. Das geschah unzählige Male, währenddessen auch die Sonne langsam Richtung Zenit wanderte. Gott sei Dank bließ uns der Wind ein wenig um die Ohren, entwickelte sich jedoch nach und nach zu Orkanböhen und wir mussten aufpassen, dass wir nicht vom Weg gepustet werden. Irgendwo auf der Hälfte des Weges stand ein alter Bauer mit seinem Wagen und verkaufte einige Snacks, wofür wir sehr dankbar waren. Ein ordentliches Stück Ziegenkäse, Brot und ein kaltes Getränk brachte uns den Lebensgeist zurück. Der Bauer steht hier jeden Tag bis 14:00 Uhr und rettet die Pilger in Not. 
Ansonsten gab es gelegentlich immer wieder Wasserstellen, an denen man sich erfrischen und abkühlen konnte. Über den Tag verteilt trafen wir viele neue nette und interessante Menschen aus aller Welt: Kalifornien, Australien und natürlich aus unseren Nachbarländern. Darunter ein 73-jähriger Franzose, der den Camino gerade mit seinen 3 Kindern und seiner Frau läuft, eigentlich aber in Westaustralien lebt. Dem machten heiße Temperaturen nun wirklich nichts aus. Was ein verrückter Kerl! Ich kann mir nicht vorstellen, mich in dem Alter mit meinen alten schäbigen Knochen einen solchen Aufmarsch hochzuschleppen!
Nach 7 Stunden Bergsteigen hatten wir endlich den Gipfel der Route mit über 1.400 Höhenmetern erreicht. 
Ab dort ging es mit eben der selben Steigung bergab. Stundenlang. Freunde, da merkt man, dass man Kniescheiben hat! Heilfroh, endorphingetankt und fix und foxi erreichten wir das Kloster in Roncesvalles. Nach dem Marsch zeigt sich, wer hier will und wer nicht.

Um ein paar Euros zu sparen, beschlossen wir unser neues Zelt einem bequemen Stockbett im 50-Mann-Bett-Zimmer für 12 Euro pro Nase vorzuziehen. 
Sobald das Zelt stand, wir unsere Wäsche und uns selbst gewaschen hatten, waren wir äußerst ausgehungert und suchten das nahegelegene Restaurant auf, das natürlich geschlossen hatte. Wir fanden heraus, dass man sich am Eingang des Klosters ein Ticket für ein Pilgermenü kaufen musste. Da wir 2 Spezies nun aber relativ spät dran waren, hatten wir 2 Stunden Wartezeit, denn hier gab es einen timetable wann wer wo und wie essenfassen durfte. Im Kloster selbst gab es, nicht wie erhofft, eine warme Brühe und Wasser für alle, sondern eine Automatenwand mit Fertigfras. Bis wir mit dem Essen dran waren, mussten wir uns also so versorgen, wir kauften uns einen Kaffee und einen Kakao, um irgendwie die Zeit bis 20:30 Uhr zu überbrücken. Draußen zog es immer mehr zu, bald war es so nebelig, dass man die Hand vor den Augen nicht mehr sehen konnte. Zum Glück konnten wir uns im Kloster zurückziehen, bis wir endlich unsere randalierenden Mägen füllen konnten. Schon erwartete uns die nächste Überraschung. Das Essen war wirklich alles andere als nahrhaft. Zur Vorspeise gab es Suppe oder Pasta. Da die Bedienung die Suppe schon in der Hand hielt, als sie uns nach unserer Wahl fragte, nahmen wir eben auch diese. Ein Fehlschuss. Die Suppe war kalt, das Beilagebrot so hart, dass man locker jemanden damit hätte erschlagen können, was in unserem Fall wirklich verlockend gewesen wäre, zum Hauptgang entschieden wir uns für Fußsohlen-Steak von der Pute und dazu Pommes aus im Fett geträufeltem Karton. Die Nachspeise riss das ganze heraus - ein Yoghurt naturales aus dem Supermarkt für 79 Cent. Als Entschädigung erlaubte Danilo sich zumindest die beiden "Silberlöffel" mitgehen zu lassen.

Glücklich und zufrieden kehrten wir zum Zelt zurück und benerkten, dass es draußen so nass und kalt geworden war, dass wir die Idee draußen zu schlafen über den Haufen warfen und um viertelvor 10, sprich 15 Minuten bevor hier die Lichter ausgingen, bettelten, um doch noch ein Bett zu erwerben. Wir hatten Glück und so liegen wir jetzt in einem wenigstens warmen Zimmer mit 50 anderen Hanseln und können etwas Kraft für morgen tanken.

Im Allgemeinen sind wir bisher leider ziemlich enttäuscht. Der Weg, die Natur, all die internationalen Bekanntschaften waren jeden Schweißtropfen wert. Aber die ausschlaggebenden Beweggründe, die uns zum Pilgern gebracht haben, wurden bislang gnadenlos ausgenutzt. Statt Gastfreundschaft, Kultur, spirituelle und menschliche Werte ging es bislang nur um Profitherausschlagerei. Kurz gesagt: Wir wurden nur abgezockt. Aber wir haben die feste Hoffnung, dass das alles nur an unserem Schlechten Karma liegt, dass wir hier ja reseten wollen :) und dass es ab morgen schon besser wird und wir doch noch das erleben dürfen, was wir uns von der Reise auf dem Jakobsweg versprochen haben. 
So, gute Nacht jetzt!

Freitag, 17. Juli 2015

Der Drachen von Saint Jean Pied de Port

Bevor die Pilgerreise losgehen konnte, mussten wir noch einen Pilgerausweis besorgen und unsere Granny in gute Hände geben. Also suchten wir das Pilgerbüro auf, das natürlich gerade jetzt in der Mittagshitze nicht besetzt war. Also setzten wir uns gegenüber des Eingangs auf eine Steintreppe und warteten. 10 Minuten nach 14 Uhr öffnete sich die Pforte und ein lustiges, altes Grinsegesicht, umrandet mit grauen zerzausten Haaren und Nickelbrille schaute durch die kleine, steile Pflastergasse, in der mittlerweile einige Pilger mit ihren prallgefüllten Rucksäcken standen und darauf warteten hineingelassen zu werden. Brav stellten wir uns hinten an und saßen kurz später in dem kleinen, klimatisierten Büro, in dem sich 4 ehrenamtliche Pilger im gehobenen Alter um uns kümmerten. Jan, ein Holländer, der den Camino selbst schon 4 Mal komplett gelaufen ist, stellte uns unseren Pilgerausweis aus, versorgte uns mit Karten und Infomaterial, organisierte uns einen Stellplatz für die Granny und gab uns einen Unterkunftstipp für die Nacht, sowie unseren sllerersten Stempel.
Die Granny durften wir für 1,50€ pro Tag bei Guillaume vorm Haus, dass sich etwas außerhalb auf einem Berg befand, abstellen. Leider war er gerade nicht zu Hause und die Verständigung mit seiner Frau verlief schleppend. Zum Schluss aber stand unser Gefährt feinsäuberlich eingereiht neben den anderen Pilgerautos. 
Wir schnappten unsere Backpacks und liefen zurück in die Stadt, um unsere Unterkunft zu beziehen. Diese befand sich genau neben dem Pilgerbüro. Dort lebt eine alte Dame, die mehrere Zimmer an Pilger vermietet. Wir hatten ja mal wieder keine Ahnung, worauf wir uns eingelassen hatten. Zunächst zeigte sie uns alles und erklärte uns die Regeln - auf französisch versteht sich. Wir nickten aufmerksam, obgleich wir kaum ein Wort verstanden. Schuhe, Zelt, Isomatten mussten draußen bleiben, da diese ja eventuell stinken oder schmutzig sein könnten. In der Toilette, die auf den Balkon gebaut und nur mit einer roten Holzwand verkleidet war, hing ein Licht verbunden mit einer Zeitschaltuhr. Wer hier länger als 1 Minute verblieb, würde sein Geschäft im Dunkeln fortsetzen müssen. In unserem Zimmer, das direkt unter dem Dach liegt, gab es ein Bett und einen Lichtschalter. Eine einzige Steckdose fanden wir im Flur. Duschen war nur abends erlaubt. Frühstück sollte es um 06:00 geben. 
Wir genehmigten uns eine Nachmittagsdusche, die sich ebenfalls hinter einer roten Holzwand verkleidet auf dem Balkon befand. Warmes Wasser? Fehlanzeige. Aber bei den Temperaturen, 33 Grad aufwärts, nicht unser größtes Problem. Das stand nämlich keine 2 Sekunden später auf dem Balkon und schimpfte was das Zeug hielt auf uns ein, weil Danilo beim Aussteigen aus der Dusche ein paar Wasserspritzer auf dem Außenboden verteilt hatte. Und das ging ja gar nicht! Zur Strafe musste er gleich den gesamten Balkon putzen. Danach warf sie einen Blick in unser Zimmer. Da wir uns zuvor kurz auf das Bett gesetzt hatten, um eben mal durchzuschnaufen, war dort eine Sitzfalte auf der Decke. Auch das passte der Dame absolut nicht und das Geschnatter ging weiter. Die 2 Italiener, die sich eben noch das Nebenzimmer angeschaut hatten, in dem sie eigentlich nächtigen wollten, änderten ihre Meinung rapide und suchten sich ein Hotel. Bevor sie aus der Tür gingen, warfen sie uns noch einen mitleidigen Blick zu. Nach diesem Theater beschlossen wir frische Luft zu schnappen und gingen eine Runde durch das Städtchen. Es ist wirklich wunderschön hier! Klein, mit dem langen, steilen Pflasterweg in der Mitte, umrandet von Restaurants, Hostels, kleinen Souvenirshops und putzigen Wohnhäuschen mit bunten Türen und Fensterläden. 




            der allererste Wegweiser

Dort trafen wir Melanie, eine Deutsche, die auch gerade startete und mit ihren 16 kg Gepäck inklusive Wasserkocher, Kaffeemaschine und ihren Crocs heute noch eine Bergetappe von über 8 km vor sich hatte. Ricarda, ebenfalls Deutsche, sprach uns an, als Danilo gerade seine ostdeutschen 5-Minuten hatte und jeden Pilger auf sächsisch versuchte zu begrüßen. So kommt man dann eben ins Gespräch, so einer fällt halt auf. Als wir von unserer Rundschau zurückkamen, hatte sich der Drachen beruhigt und war schier handzahm geworden. Ich glaube die alte Damen ist ein wenig manisch-aggressiv veranlagt. Über den Abend hinweg war sie mal mehr und mal weniger unfreundlich, also waren wir froh, dass wir uns bald in unser Zimmerchen verziehen konnten. Der nächste Morgen versprach keineswegs besser zu werden. Wir standen um 05:40 Uhr auf, packten mucksmäuschenstill alles zusammen und standen um 06:05 Uhr vor der Küche, um unser versprochenes Frühstück einzunehmen. Madame war schon wach, aber äußerst schlecht gelaunt. Frühstück würde es erst um 06:30 Uhr geben, was würde uns einfallen so früh aufzustehen und Krach zu machen! Die 2 Spanierinnen, die auch irgendwo in dem Haus übernachtet hatten, wurden 5 Minuten später genauso begrüßt. Aber die Beiden fakelten nicht lange, warfen der Ollen ein Au revoir zu und verschwanden. Wir taten es ihnen gleich, denn wer muss sich denn schon morgens so fies ausschimpfen und runtermachen lassen? Zudem war uns der Hunger wirklich vergangen. Nichts wie weg hier! Den gesammelten Frust würden wir bei unserer ersten Etappe rauslassen können!

Ein guter Start in den Tag

Am nächsten Morgen plumsten wir, immer noch etwas verdaddelt vom vorherigen Tag, aus dem Auto und wunderten uns, was da so laut rauscht! Als wir ein paar Schritte den Hügel hinabliefen, erklärte sich eben dies. Durch unsere nächtliche Irrfahrt hatten wir nicht nur einen ruhigen Stellplatz, sondern auch das Meer wiedergefunden, ohne es gemerkt zu haben. Nach unserem geografischen Ermessen hätten wir uns irgendwo in innenstadtnähe befinden müssen, doch nun blickten wir über das weite blaue Meer.
Und was die Sache noch viel schmackhafter machte, war dieses Frühstück, dass uns eine komplett durchgeknallte Französin auf ihrer Terasse direkt am Meer servierte.

---Man beachte die Marmelade, die in kleinen Schnappsgläschen vorgesetzt wurde---

Beim Essen leistete uns Chippie, das kleine Wollkneul von Hund, Gesellschaft.
Mit vollen Bäuchen und salziger Meeresluft in den Haaren starteten wir einen kleinen Verdauungsspaziergsng und kraxelten über die Felsen am Meer. Was ein Spaß!!
Leider mussten wir heute noch ein Stückchen weiter. Nur 1 Stunde brauchten wir, bis wir in Saint-Jean-Pied-de-Port ankamen - Endstation für unsere Granny und Endstation für Komfort, Seele baumeln lassen und Luxus - ab morgen gehts los, wir pilgern nach Santiago de Compostella!

1500 km später...

Wie geplant ging es am Sonntag mit leichten 1,5 Stunden Verspätung los. Sobald wir die französische Grenze überquert hatten, waren wir auf unseren Autoatlas aus dem Jahre 1905 angewiesen, da der Zugarettenanzünder durch unsere Kühlbox blockiert wurde und das Navi somit ausfiel. 2 Minuten später lag das Ding in der Ecke und wir kauften uns eine Faltkarte, mit der wir einigermaßen zurecht kamen - peinliche Generationsmacke. Wer weiß heute noch, wie man eine Karte aus Papier ließt? 

Erstes Etappenziel: Saint Dizier, Lac du Der. "Der See ist wunderschön, dort gibt es einen traumhaften Steg auf den man über den halben See spazieren und dem Sonnenuntergang entgegenlaufen kann. Nehmt euch ne Picknickdecke und ne Flasche Sekt mit!" Daraus wurde ein "Scheiße, der Regen vernebelt mir die Sicht! Wo ist der bescheuerte Steg?! Gib mal die Decke, mir is kalt! Komm, lass die Flasche Sekt exen!". Aber gegen späten Abend fanden wir ein nettes, trockenes Plätzchen zum nächtigen, eine Feuerstelle und zugleich klarte auch das Wetter auf. Na dann, Prost!


Glücklicherweise gab es dort auch ein Toilettenhäuschen und eine "Dusche". Oh nein, französische Toiletten...Wie gerne wäre ich mit einem Y-Chromosom geboren worden...
Aber auch die Duschen waren etwas gewöhnungsbedürftig: Keine Kabienen, kein Sichtschutz nach draußen und eiskaltes Wasser, knapp über 0 Grad. So fängt man den Morgen gerne an, vorallem wenn man mit der Show all die anderen Camper amüsieren kann. Theater a la "2 Hühnchen unterm Wasserstrahl".

Nach einem petit déjeuner starteten wir zunächst Richtung Paris, über Troyes und einem Zwischenstopp in Auxerre, 


wo unsere arme Granny ihren ersten Schaden nahm, als Danilo sie versehentlich gegen diesen kniehohen Pfosten ballerte...
...weiter nach Orléans, Tours und erreichten schließlich, nach knapp 9 Stunden und einem Sonnenuntergang, Angoulême, wo wir mit einem heftigen Feuerwerk empfangen wurden. Etwas außerhalb fanden wir einen Campingplatz und waren äußerst happy, dass dort noch Leben war. Gerade spielte eine Rockband, deren Mitglieder warscheinlich älter waren als unsere Mutter Erde. Etwas ängstlich, dass die Herrschaftchen gleich unter ihren Instrumenten zusammenbrechen würden, verzogen wir uns in die Bar, um den Besitzer des Platzes ausfindig zu machen. Wen wir fanden, war ein überaus dicker, großer Kerl mit bösem Blick und Rockerkutte, der auf irgendetwas herumkaute. Uff, Mut zusammennehmen und ansprechen! Auf einmal erhellte sich seine Miene, der Kerl war sogar richtig freundlich! Da sich aber eine kleine Sprachbarriere zwischen uns aufgebaut hatte, versuchten wir mit Händen und Füßen zu kommunizieren. Das Ende vom Lied war, dass der nette Dicke uns für umme auf den Parkplatz fahren ließ, da das Camping bereits seit 30 Minuten geschlossen war. Duschen und Toiletten konnten wir frei nutzen, wir sollten nur zusehen, dass die Rezeptionisten uns am Morgen nicht erwischen. Alles klar! 
Die Nacht verlief ruhig und nach einer morgendlichen Dusche in angenehmer Temperatur saßen wir schon wieder im Auto. Diesmal war unser Ziel Biarritz, doch bevor wir die Route starteten, schauten wir uns das Städtchen noch etwas genauer an. 





Aber jetzt reichte es mit Stadt und Straße, wir wollten Meer! Und deswegen fuhren wir nach Audenge am Bassin d'Arcachon. Hier berührten unsere Käsefüße zum ersten mal französischen Sand und Atlantikwasser, dass zu unserer Enttäuschung an dieser Stelle pisswarm war und wir hofften, dass es nicht an den zahlreichen Pempersbombern liegen würde, die hier herumpadelten. Es dauerte nicht lange, bis unsere hungrigen Mägen sich meldeten und wir aufbrachen, um ein kleines aber feines Restaurant aufzusuchen. Es gab Fisch vom Feinsten!
Jetzt konnte es weitergehen, ab nach Biarritz! Irgendwann mitten in der Nacht kamen wir dort an. Da der erste Stellplatz, den wir aufsuchten, wegen elektronischer Dauerbeschallung und Diskolicht seinen Reiz schnell verlor, suchten wir uns eine neue Bleibe. Nach ewiger Irrfahrt durch Baustellen und enge Gassen, fanden wir einen Platz, der uns genehm erschien, also blieben wir. Und wir ahnten nicht, was unsam nächsten Morgen erwarten würde...

Donnerstag, 9. Juli 2015

von Ritalin zu Methadon

Die letzten Wochen war es tatsächlich sehr ruhig, zumindest was die Planungen unserer Reise angehen. Der Grund dafür ist simple: Die Klausuren standen vor der Tür. Da blieb nicht wirklich viel Zeit zum träumen und somit legte ich das Thema vorerst einmal auf Eis. Leichter gesagt als getan. Whatever, wie jedes Mal habe ich es nun auch dieses Mal irgendwie hinter mich gebracht. Und jetzt, wo der ganze Stress der letzten Wochen begraben liegt, weiß ich kaum was mit meiner freien Zeit anzufangen. Ich muss mich nicht mehr von morgens bis abends wie ein ritalinbetäubter Zombie am Schreibtisch rumdrücken, sondern bin wieder ein "freier Mensch". Also, was tun mit der vielen Freizeit? Ach wie gut, dass der Urlaub vor der Tür steht. Somit habe ich wieder eine Aufgabe, die meine volle Aufmerksamkeit beansprucht - mein persönliches Methadon: Die Reiserei. Die Kreuzchen im Kalender häufen sich und bereits kommenden Sonntag, in wohlbemerkt 3 1/2 Tagen soll es losgehen. Ohweija... Bis dahin ist ja noch einiges zu erledigen. Allerdings haben wir zwischenzeitlich ja doch auch einiges geschafft bekommen. 
Danilo hat seine Wohnung zwischenvermietet und ist offiziell seit 01. Juli "obdachlos", wohnt mal hier und mal da und versucht sich so Stück für Stück auf die nächsten Wochen vorzubereiten. Heute hatte auch er endlich seinen vorerst letzten Arbeitstag. Das heißt ab morgen werden die letzten (Sicherheits-)Vorkehrungen getroffen und dann gehts ab!

Die Backpacks sind sogar schon weitesgehend gepackt und wir achten darauf, dass wir zum pilgern nicht mehr als 10 - 11 kg dabei haben, denn gerade bei der Hitze dort unten bereut man jedes unnötige Gramm Gepäck. Also gibt es für jeden 2 Paar Hosen, 2 Pullis, 3 T-Shirts, 1 lange Hose, 2 Paar Socken und 3 Paar Unterhosen und eine Tube Formil. Fertig.

Von unserem Plan uns körperlich ein wenig auf den Marsch vorzubereiten sind wir ziemlich abgedriftet, stattdessen haben wir uns in unserer freien Zeit lieber auf Festivals und Parties rumgetrieben. Ich bin mal gespannt, ob wir das nächste Woche zu spüren bekommen, denn genau in einer Woche werden wir bereits den ersten Fuß auf den Camino de Santiago in Saint Jean Pied de Port setzen. 

Irgendwie klingt das immer so lässig, wenn ich sage: "Ach, ich gehe mal eben 780 km pilgern..." aber jetzt, wo mein Geschwafel langsam aber sicher in die Tat umgesetzt werden soll, sehe ich dem ganzen etwas realistischer ins Auge. 35 Tage JEDEN TAG laufen, laufen, laufen, bei Temperaturen um die 30 Grad und mehr, mit Gepäck auf dem Buckel, das kann einen doch schon mal an seine Grenzen bringen. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir uns riesig freuen bald die Biege zu machen!

Fakt ist aber auch, dass wir nicht "zusammen" pilgern werden. Das hat 2 einfache Gründe: 

a) Ist der Camino eine Wanderung, auf der man ein wenig in sich geht, über Gott und die Welt nachdenkt und sich über viele Dinge klar wird. Das geht eben nicht immer zu zweit. 
b) Haben wir mit Sicherheit ein unterschiedliches Lauftempo und werden nicht durchgehend Schritt halten können.

Meine Theorie ist ja, dass Danilo zu Anfang des Tages immer Vollgas gibt und wie ein HB-Männchen davon sprintet und mich in seinem Windschatten zurück lässt, aber spätestens um die Mittagszeit seine Kräfte schwinden und ich grinsend an dem sabbernden und hechelnden Herrn vorbeiziehen werde. Als Wiedergutmachung bekommt er abends dann eine Extraportion Magnesium und einen Powerriegel.

Aber wir werden bestimmt hin und wieder ein paar Stückchen gemeinsam gehen, so ist es ja auch gewollt und natürlich trifft man sich immer am Ende des Tages in der Jugendherberge bzw. zum gemeinsamen Zeltaufbauen. Grundsätzlich macht den Camino aber jeder für sich. Anschließend haben wir ja schließlich noch 3-4 Wochen um uns gegenseitig auf den Wecker zu fallen. :)

Nunja. Was wir in den letzten Wochen noch geschafft haben ist unter anderem die Anschaffung eines neuen Zeltes. In kackbraun. Zur Tarnung und so. Danilo hat bereits versucht unsere neuen 4 Wände aufzubauen - ich glaube, er braucht noch ein wenig Übung.
Desweiteren besitze ich nun ein aufblasbares Kissen und Danilo einen eigenen Schlafsack, der nun getrost gerne wieder in meiner Wohnung vergessen werden darf, eine elektrische Kühlbox, die uns hoffentlich helfen wird, dass wir in der Granny nicht gebruzelt werden, einen Gaskocher, jede Menge Kleinkram, den man eben so braucht, bliblablubb.

Gehandwerkelt wurde auch wieder. Und zwar hatten wir bedenken, dass wir bei der Hitze kein Auge zu machen können werden, wenn es in der Granny so heiß ist. Die werte Dame verfügt ja auch leider nicht über eine Klimaanlage, aber in dem Alter...wer will es ihr verübeln. Fenster auflassen beim Wildcampen wäre eher semi günstig gewesen. Also mal mit der erfahreneren Fraktion beratschlagen, was man tun kann. Natürlich dauerte es nicht lange und es war eine Lösung gefunden. Selbst ich musste über die Art und Weise schmunzeln.



Aus einem alten Dingsbums, dass einer Kunststoffplatte mit cent-stück-großen Löchern ähnelte, haben die Männers mit Hilfe einer Schablone 2 solcher Dinger gebastelt, die man nun ganz easy in die Fensterrahmen hineinschieben kann. Um das ganze zu fixieren, wurden diese noch mit 2 zurechtgeschnittenen anderen Dingensens, die sich wohl Paneelleisten schimpfen (hier auf dem Bild allerdings nicht zu sehen), stabilisiert, die sich zwischen die beiden Kunststoff-Dinger und die Fensterscheiben schmiegen und der Konstruktion nun auch während der Fahrt festen Halt geben. Man merkt schon, dass ich von der Materie gar keine Ahnung habe und ich mich somit mehr oder minder aus der ganzen Sache rausgehalten habe. Aber ich bin nun stolzer Mitbesitzer solcher 2 Dingsbumsdinger, die uns hoffentlich den Erstickungstod ersparen werden. Bei der Produktion versuchte sich jeder der beiden Männer an einem Fenster, der eine links, der andere rechts. Soviel sei gesagt: Beide Fenster sind auf irgendeine Art und Weise "dicht" geworden, die eine Seite recht professionell, die andere...naja...eher weniger. Wer nun für welches Werk verantwortlich war? :D Interpretationssache.

hier noch ein Schnappschuss vom making-off

Auch wurde unserer Granny noch einmal grundlegend unter die Haube geschaut, denn sie denkt sich mittlerweile immer mehr neue Geräusche aus, um uns nervös zu machen. Aber da hat sie die Rechnung ohne uns gemacht! :) Das Baby läuft und schnurrt wie eine Babykatze. Die etwas verschnupft ist und Keuchhusten hat.
 da macht das Schrauben noch Spaß!

So ihr Lieben, der Countdown läuft. Bis die Tage!


p.s: ach ja, zum Einstimmen gibts übrigens jeden Tag den fantastischen Frank Turner. Hört doch mal rein! :)