Dienstag, 1. September 2015

Zeitsprung-Gummitwist

Die Sonne kitzelte unsere Nasen, als sie den stechend blauen Horizont hinaufkletterte. Heftig blinzelnd und noch etwas verdattelt rieben wir uns den Schlaf aus den Augen, streckten die zerknitterten Glieder und kletterten ins Freie. Heute warteten einige hundert Kilometer auf uns. Ein guter Grund, um aufzustehen, herzhaft zu frühstücken, die Granny zusammenzufalten, zu verschnüren und die Leinen loszulassen. 
Das Wetter passte sich dem Tagesthema ziemlich gut an - die Farbpalette der trüben Grautöne verschwamm ineinander und harmonierte so perfekt, dass sie eine ebenso düstere Atmosphäre schaffen konnte. Wir hatten die Normandie erreicht. 
Gestern noch befanden wir uns im frühen 18. Jahrhundert, heute, nach einer kurzen nächtlichen Pause in der Gegenwart, legten wir einen weiteren Zeitsprung in das Jahr 1944 hin.
Zunächst wollten wir Richtung Utah Beach, tatsächlich legten wir aber zuvor einen Zwischenstopp in Saint-Côme-du-Mont ein. Grund dafür war das D-Day Paratroopers Historical Center, das uns von der Straße lockte. Wir beschlossen ein paar Moneten in unsere Bildung zu investieren und verließen das 21. Jahrhundert erneut für eine Weile, um in die finstere Zeit des Zweiten Weltkrieges einzutauchen. Das Museum war in verschiedene Einzelattraktionen aufgebaut, wir starteten mit dem D-Day Experience Museum, das sich selbst als das "Historische Zentrum der FallschirmJäger des D-Days" bezeichnet und die wohl "größte Weltbank von Bildern des zweiten Weltkriegs über die amerikanischen Luftlandetruppen während ihrer verschiedenen Kampfmissionen auf dem europäischen Boden" ausstellt. Hier dreht sich alles um den 06. Juni 1944, an dem die amerikanischen Luftlandedivisionen die Landung auf Utah Beach vorbereiten und unterstützen.
Zum Einstieg drückten wir uns die neugierigen Nasen an den Glasscheiben der Vitrinen platt, in welchen zahlreiche Exponanten von Leutnants, Fallschirmjägern und Offizieren der Luftlandetruppen des D-Days ausgestellt waren, darunter Helme, Uniformen und Blousons mit verschiedensten Auszeichnungen, dog tags, persönliche Briefe und sämtliche Ausrüstungen, die von vielen Veteranen gespendet, oder im Laufe der Zeit gefunden wurden. Die Beschreibungen der einzelnen Ausstellungsstücke, in Ich-Form geschrieben, vermittelten den Eindruck, als hätten sie tatsächlich, jedes für sich, eine eigene, verletzte, aber zugleich stolze, amerikanische Seele, die ihren Besitzer durch eine so grausame, blutrünstige Zeit, in Sieg und Niederlage, begleitet hat. Bereits etwas emotional angeschlagen von all den ergreifenden Geschichten, wurden wir nun in einen Raum geführt, in dem wir Platz nehmen sollten. Vor uns sahen wir eine gläserne Kabine; ein Büro eines Leutnants. Das Licht erlosch, die Seitentür der Kabine flog auf und ein Mann in amerikanischer Uniform kam herein. Er war nicht echt, aber das Hologramm, das uns da gegenüberstand, war so real, dass man meinen konnte, der Leutnant würde wahrhaftig dort auf der Tischkante sitzen und im ernsten Ton zu uns sprechen. Er bereitete uns auf eine Operation vor - Operation Overload, den D-Day, der, laut seinen Worten, in die Geschichte eingehen würde. Es war herauszuhören, wie wütend und zugleich siegessicher er war. Er putschte uns auf und machte uns klar, dass wir diese Nacht niemals vergessen würden. Die Situation wurde derart real dargestellt, dass wir leibhaftig dachten, wir würden gleich in den Krieg ziehen. 
In einem abschließenden Satz wünschte er uns viel Glück und schickte uns, seine Schützlinge, auf die weite Reise, von der so manch einer niemals mehr zurückkehren würde. 
Ebenso plötzlich wie er erschien, verschwand er auch wieder. Für uns ging es weiter in einen anderen, abgedunkelten, sehr lauten Raum, eher eine Maschinenhalle, in der ein Flugsimulator auf uns wartete. Leicht verunsichert betraten wir die C-47 "Stoy Hora", suchten uns einen Platz auf den harten Sitzbänken und schnallten uns an. Der Innenraum des Flugzeuges war wahrheitsgetreu restauriert, außerdem mit Fenster-Bildschirmen ausgestattet, die uns zeigten, dass wir uns gerade auf einem Flugplatz befanden. 
Mit uns saßen noch 2 ältere französische Paare und ein weiteres junges Pärchen in der Flugkabine. Während wir 2 uns absolut in die Situation vertieften und unser Nebennierenmark ordentlich Hormone produzierte, hatten die anderen 6 Wannabe-Soldaten nichts besseres zu tun als Selfies zu schießen, die ältere Fraktion tat sich sogar keinen Zwang an und filmte die gesamte Simulation inklusive uns mit unseren angenervten Gesichtern - ein einzigartiges Bildmaterial, das wir leider oder zum Glück niemals zu Gesicht bekommen werden. Verkehrte Welt, ist es nicht üblicherweise die Generation Y, die ihre Finger keine Sekunde von iPhone und Co lassen kann? Diese Herrschaften stammten aber bestenfalls aus der Zeit des Präkambrium, wobei selbst die dort erstals entstandenen mehrzelligen Organismen und Nesseltiere wahrscheinlich über einen höheren IQ und Anstandsgrad verfügt haben, als unsere nervtötenten Urzeitgesteine hier. Aber wir versuchten die Hurzelwurze auszublenden und konzentrierten uns auf unsere Mission den Krieg zu beenden.
Dann ging es los, die Propeller fingen an zu rotieren, es wurde laut, wir begannen uns in Schräglage zu begeben und hoben ab in die dunkle Nacht, die durch hunderte Kampfflieger am Himmel erleuchtet wurde. Die eigentlichen 17 Stunden Flug waren in schlappen 3 Minuten überstanden, als dann das Feuergewitter startete, die Geschütze ausgefahren wurden, Bomben fielen und unser fliegender Blechkasten, in dem wir bibbernd saßen und hofften diese verdammte Nacht zu überleben, plötzlich unter Beschuss stand. Durch die Fenster konnten wir beobachten, wie unsere unschuldigen, noch viel zu jungen, tapferen Kompagnons, mit denen wir einst gelernt hatten mit einer SMG - Thompson Sub umzugehen, getroffen wurden und mit einem Feuerwerk grausam brennend in einem Funkenregen vom Horizont segelten. Noch gar nicht realisiert, was wir soeben beobachtet hatten, wurden auch wir getroffen. Ein lauter Knall, alles drehte sich, Mayday! Mayday! Wir stürzen ab!
Bevor das dicke Ende kam, war die Simulation zu Ende. Es konnte sich ohnehin jeder denken, dass es aus dieser Höllenmaschine kein Entkommen mehr gab.
Auch, wenn wir als Besucher dieses Museums niemals das empfinden konnten, was ein tatsächlicher Soldat in einer solchen Situation empfunden hat, so kam es dem aber mit Sicherheit recht nahe. Mit einem unbeschreiblich aufgewühlten Gefühl traten wir aus der Maschine, zurück auf sicheren Boden.
Doch hier war die Zeitreise noch lange nicht zu Ende - als nächstes wartete die Villa am Dead Man's Corner auf uns, in der zuerst deutschen Fallschirmjägern ihr Stabsquartier errichteten und dies später als Krankenanstalt nutzten, bevor die Alliierten den Laden gewaltsam stürmten. Maßstabsgetreu wurden hier die Szenen aus der damaligen Zeit nachgestellt. Nach diesem Besuch stand der letzte Punkt dieser Museumseinheit auf dem Plan. In einem Shop konnten tatsächlich alte Kriegsüberbleibsel, gut erhaltene Uniformen, Helme, die einst den Kopf eines Kriegssoldaten schützten, Handwaffen, die mit Sicherheit nicht nur ein Mal zum Einsatz kamen, ja ganze Ausrüstungen und sogar angefangene Zigarettenschachteln aus jener Zeit käuflich erworben werden. Ganz schön verstörend für meine Verhältnisse. Auch einige Bücher und, für meinen Geschmack, sehr vulgär verfasste Komikbücher für Kinder standen hier zum Verkauf bereit.
Alles in allem spreche ich hier ein großes Lob und daraus folgend eine absolute Empfehlung für dieses sehr gelungene Ausstellungskonzept aus, das seinen Besuchern die Möglichkeit gibt durch Zeit und Raum zu reisen und sich einmal mehr klarzumachen, wie glücklich wir jüngeren Generationen uns schätzen können eine solche Zeit bisher nie erlebt haben zu müssen. Hoffentlich bleibt es dabei.
Nach diesem Ausflug verschlug es uns auf einen Kriegsfriedhof, der uns abermals verdeutlichte, wie viele arme Menschen, Familienväter, Söhne und Brüder ihr Leben auf grausamste Weise für den Kampf um den Frieden lassen mussten. Verflixte Ironie.
Anschließend sollte es nun doch endlich an den bekannten Utah Beach gehen, der mit einem weiteren Museum lockte, doch der Einlass war aufgrund der fortgeschrittenen Uhrzeit bereits geschlossen. Also schauten wir uns so ein wenig um und lukten durch das große Fenster, um einen Blick in das Innere des Komplexes zu erhaschen. Allerdings drängte nun doch ein wenig die Zeit, wollten wir doch unbedingt noch ein Stück weiterfahren, um so viel wie möglich zu besichtigten, den hier gab es wirklich an jeder Ecke etwas Historisches zu entdecken.
Die Landschaft war wunderschön, wenngleich mit fadem Beigeschmack, wenn man an all die verstorbenen Seelen und das vergossene Blut dachte. Auch das ungute Gefühl in der Magengegend wollte nicht verschwinden.
Letzter Stopp für heute sollte Point du Hoc sein. Hier, unweit vom Omaha Beach entfernt, erstreckten sich über knapp 500 Meter Wiesenboden an der Steilküste der Calvadosküste aberdutzende Bunker und unterirdische Gänge, die auch heute noch zum Teil betreten werden können. Da es aber schon spät am Abend war und die Dämmerung bereits voll eingesetzt hatte, war weit und breit keine Menschenseele mehr zu sehen - wie waren die Einzigen, abgesehen von ein paar Karnickeln, die hier hausten. Das machte die Sache nicht unbedingt besser. Auch hatten wir nicht daran gedacht eine Taschenlampe mitzunehmen. In den dunklen Betonbauten umherzuirren war mehr als gruselig, doch die Neugierde trieb uns voran, so lange, bis wir wahrhaftig die Hand nicht mehr vor Augen sahen. Wir versetzten uns in die Lage der damaligen deutschen Soldaten und stellten uns vor, wie es ihnen wohl in jener Nacht ergangen sein musste, was sie gedacht und gefühlt haben, wie sie durch die massiven Bauten schlichen, durch die Betonschlitze lukten, um zu sehen, was da draußen vorsich ging, wie sie über das Netzwerk aus Gängen kommunizierten und wie sie wohl den Moment erlebten, in denen ihnen klar wurde, dass nun alles zu Ende ging.

Hier einige wenige Bildausschnitte, wenngleich in miserabler Qualität:




Nicht ein Mal in den vergangenen 51 Tagen unserer Reise hatten wir so wenig miteinander geredet, wie an diesem Tag. Das war auch nicht notwendig, denn jeder beschäftigte sich innig und eingenommen mit dem Thema, machte sich seine Gedanken und versank in ihnen.
Betrübt und gleichermaßen erleichtert kehrten wir zum Auto zurück und fuhren ein Stückchen weiter, weg von den Säulen der Historie, weg von Mord und Totschlag, Bomben und Kratern, um einen ruhigen, sicheren Platz für die Nacht zu finden. Den fanden wir in der Nähe von Cabourg. Morgen sollte das Tagesthema wieder etwas freundlicher werden.

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