Mittwoch, 2. September 2015

Ein Stück Great Ocean Road

Nach den vergangenen 2 ziemlich trüben Tagen war es an der Zeit ein wenig "positive vibes" einzufangen. 
Zunächst trug die Sonne ihren Beitrag dazu bei, die hartnäckige Wolkenfront war endlich durchbrochen. Der einzige meteorologische Gegner war nun noch der küstenbedingte Wind. Und mit dem war nicht gut Kirschen essen! Kompromisslos blies er den ganzen Tag was das Zeug hielt, doch wir ließen uns davon nur wage beeindrucken. 
Zunächst gurkten wir sämtliche Küstenstraßen ab. Die Oberflächen gleichten einem Streuselkuchen, bei dem die Oma zu wenig gebröselt hatte. Durchgeschüttelt erreichten wir schließlich Honfleur und dort hörte, laut Karte, gar jeglicher Straßenbelag auf und verwandelte sich in salzige, blaue Flüssigkeit. Ein Fluß. Besser gesagt die Seine. Na Klasse Willi. Die Granny kann zwar viel, Schwimmen oder Fliegen, das gehörte allerdings nicht zu ihren Stärken. Doch das Glück war mit uns: Plötzlich ragte hier nämlich eine neue, riesige Brücke aus dem Nichts, die uns einen beachtlichen Umweg ersparte und in wenigen Sekunden ans andere Ufer der Seine verfrachtete. Und bevor wir uns versehen konnten, standen Danilo, die Granny und ich in Le Havre. 
Aber Stadt? Nein, danke! Frecherweise ignorierten wir die zweitgrößte Hafenstadt Frankreichs und setzten fort. Noch 30 km trennten uns von unserem nächsten auserkorenen Ziel: Étretat.
Das Navi dirigierte uns auf einen Berg, immer weiter nach oben. Wo zum Teufel wollte es uns denn hinführen? Wir waren doch schon am Ziel gewesen. 
Als wir den Gipfel erreicht hatten, baute sich ein großer, massiver, dreieckiger Steinklotz vor uns auf. Einer mit spitzem Dach und dicken Steinmauern; eine Kapelle! Die armen Leute, die diese tonnenschweren Wacken hier hoch schleppen mussten! Aber was sie gebaut hatten, war den Aufwand eindeutig wert gewesen!
Nach näherer Betrachtung fanden wir heraus, es handelt sich um die Kapelle der Notre-Dame-de-la-Garde. Nicht außergewöhnlich groß, doch an einem Ort gelegen, dessen Schönheit so gewaltig ist, dass die richtigen Worte um ihn zu beschreiben erst noch erfunden werden müssen!
Die Kapelle steht auf einer saftig grünen Wiese, unweit entfernt von der schneeweißen Klippe, die einen unachtsamen Touristen mit Leichtigkeit in die Tiefe reißen könnte, so steil wie sie nach unten abriss und so stark wie das Gebläse hier oben eingestellt war. Die Sonne gab heute ihr bestes und hüllte das quirlige, raue Meer in ein Kleid aus tiefblauen und strahlend türkisen Farbnuoncen, zugleich ließ sie die Felsformationen in ihren natürlichen, aber sehr hellen sandfarbenen Tönen fast weiß erleuchten. In anderen Worten: Die Farbgewalt an diesem Ort war gigantisch, beeindruckend, fast blendend! Auf der noch tauüberzogenen Wiese blitze Danilo plötzlich etwas ins Auge. Er hob es auf und betrachtete es. Es war eine alte Münze! 5 Centimes aus dem Jahre 1974. Wie lange die hier wohl schon liegen mag?
Wir schauten uns um und liefen an den Felsklippen entlang, während der salzige Luftstrom uns durch die Haare kämmte. Hier und dort konnte man auf die dünnen Felsfinger laufen und einzigartige Ausblicke genießen!



so sehen glückliche Kühe aus...

Das alles kam mir irgendwie sehr bekannt vor...Na klar! Hier siehts ja aus wie an der Great Ocean Road! Und das mitten in Europa! 
Nachdem wir uns an der Porte d'Aval, der Aiguille, Manneporte, Falaise d’Amont und Co. sattgesehen hatten, gingen wir der Frage nach, wohin die Treppe führte, die wir zwischen zweier Felsfinger gefunden hatten und sich an der Felswand nach unten hangelte. 
Natürlich führte sie ans Wasser, klar, aber das war nicht alles! An dem Betonblock, auf dem wir nun standen, führte eine Eisentreppe ins Meer. Das musste ja heißen, dass man bei Niedrigwasser hier runterklettern konnte. Natürlich wollten wir uns das nicht entgehen lassen, also warteten wir. Lange. In der Zwischenzeit entdeckten wir hinter uns eine Höhle, die einmal quer durch den gesamten Felsen führte. Sie war nicht besonders hoch und recht dunkel, kamen uns Sonnenstrahlen entgegen wir gelangten an den hier so bekannten Kieselsteinstrand. Wie wir herausfanden, basierte dieser nicht einzig und allein auf einem Naturphänomen, sondern diese tausenden Steine waren tatsächlich durch Menschenhand hergebracht worden. Na, denen scheint es ja wirklich Spaß zu machen Felsen und Geröll durch die Gegend zu schaukeln. Oder aber der Grund liegt darin den Ort vor den hier recht ruppigen Flutwellen zu schützen, indem die Kieselsteine dem Wasser die Kraft entziehen. Gar nicht mal so blöde, diese Franzosen!

Als die Ebbe endlich da war, kletterten wir die rostigen Stiege der Eisentreppe hinunter und bewunderten diese riesigen Felsen, die sich aus so vielen Gesteinsschichten in den Himmel bauten. Wir wurden mit dem Staunen gar nicht mehr fertig; wie klein und unscheinbar man sich plötzlich fühlt...





Doch da die Ebbe uns ja schließlich nicht alle Zeit der Welt lassen würde, kraxelten wir wieder nach oben und schauten uns mal die andere Seite der Bucht an. Als hätten wir heute nicht schon genug schönes gesehen, wurde es immer noch beeindruckender. Es ging weiter durch lichtlose Höhlen, Felsspalten, bei denen man den dicken Bauch einziehen musste, über unvertrauenswürdige, verwitterte, alte Steigeleitern hinauf oder hinab, an verlassene Plätze und geschichtsträchtige Orte. 







Während Danilo nach und nach die Vernunft packte und drängte, dass wir bald umkehren sollten, bevor uns das rückfließende Wasser an den Klippen zerschellen würde (natürlich hatten wir dem Gezeitenplan erhörterweise schon wieder keine Beachtung geschenkt), konnte ich meine Gier nach Entdeckung gar nicht zügeln, weiter und immer weiter weg vom sicheren Land, das die Flut nicht erreichen würde.
Auf einmal beobachteten wir eine ungewöhnliche Situation. Erst als wir näher kamen, verstanden wir, was hier vor sich ging. An einem Felsvorsprung, ungefähr 3-4 Meter über dem Strand hing eine Frau im Felsen, hielt sich an einem alten, maroden Strick fest und versuchte mit einem Fuß sicheren Boden zu erhaschen - aber keine Chance, sie war schließlich keine 3 Meter groß. Über ihr stand ein Mann auf dem Plateau, der ihr Tipps gab, doch auch er konnte zu keinem Erfolg verhelfen. Die Sache war klar, die beiden brauchten Hilfe! 
Wir sprachen sie an, begutachteten die Lage und gaben zuerst der Frau Anweisungen, danach ihm; von hier unten waren Steinnasen und Löcher für einen sicheren Halt ja wesentlich besser zu erkennen, somit konnten wir eine sichere Trittfolge festlegen, nach der die zittrigen 4 Füße sich orientieren konnten. Ein wenig wie Twister. Die letzten 2 Meter mussten die beiden allerdings im freien Fall zurücklegen, doch Danilo bat sich als Luftkissen an, sodass sie direkt in seine Arme hüpften und danach sicher und halbwegs unverletzt, dennoch mit immer noch zittrigen Knien auf sicherem Tarrain standen. Aber sie lachten wieder und bedankten sich tausende Male. Erst jetzt bemerkten wir, dass es Deutsche, besser gesagt echte Berliner, waren. Die gute Tat für diesen Tag? Check! 
Da der Weg für uns an dieser Stelle dann wohl oder übel auch zu Ende sein sollte, denn der Brocken lag uns ja nun selbst im Weg, traten wir mit den adrenalinüberdosierten Berlinern den Rückweg an. 
Zurück am Fuße der Falaise d’aval entdeckten wir einen alten Wehrmachtsbunker und wenn man daraufhin genauer hinsah, fand man fast überall noch Steinbrocken und Überbleibsel von anderen Kriegsbauten, womit wir für einen kurzen Augenblick noch einmal in die Vergangenheit gummitwisteten.
Ein aufregender Tag, der nun so langsam zu Ende ging. Bevor es dunkel werden würde, müssten wir den Berg noch hochlaufen müssen, denn dort stand immer noch die Granny, einsam und verlassen. Nach so langer Pause vom Pilgern gerieten wir doch wahrhaftig etwas außer Puste und waren aberglücklich, als wir oben ankamen. Schlafplatzsuchen stand auf dem Plan.

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